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**[Unveröffentlichtes Fragment, gefunden in einer Mappe ohne Namen]**
Die Stadt war grau, aber nicht auf diese banale Weise.
Grau wie gealterte Haut, grau wie Stimmen im Treppenhaus, grau wie Briefe, die niemand mehr öffnet.
Sie kam, wie man eben kommt – nach einem Winter, der zu lange dauerte, und einem Leben, das zu früh geordnet war.
Es war ein Café, das sich wie eine Erinnerung benahm.
Kachelboden, der unter dem Gewicht fremder Gespräche ächzte, eine Uhr, die nicht mehr ging,
und draußen: Menschen, die sich beeilten, ohne zu wissen warum.
Sie saß da. Nicht wie jemand, der wartet –
wie jemand, der das Warten längst abgeschlossen hat.
In der Hand ein Manuskript. Nicht ihres.
Das Wort „Wirklichkeit“ stand zu oft darin.
Sie hatte gelernt: Wenn jemand zu oft „Wirklichkeit“ sagt, meint er eigentlich Flucht.
Sie hatte keine Fragen gestellt. Nur gelesen.
Und am Ende:
„Ihre Sätze laufen weg. Vielleicht, weil Sie glauben, dass Sie sonst jemand fängt.“
Dann Schweigen.
Dann dieser Blick, den man nur hat, wenn man früher einmal sichtbar war.
So sichtbar, dass das Unsichtbarwerden weh tut wie eine schlechte Diagnose.
Sie trank den Rest des Kaffees, bitter wie Erinnerung.
Und schrieb auf eine Serviette, einfach so, beiläufig:
*„Ich war einmal Sprache. Jetzt bin ich nur noch Rand.“*
Später vergaß sie die Serviette auf dem Tisch.
Jemand warf sie weg.
Oder rahmte sie ein.
Es kommt darauf an, wie einsam der Finder war.
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