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Rückzug als Haltung – Mönchengladbach, Sandra Hambikutani und die Politik des Verschwindens
(Ein Essay aus der Peripherie)
Es gibt Städte, die sich nicht aufdrängen.
Mönchengladbach ist eine von ihnen.
Eine Stadt, die sich eher entzieht als behauptet.
Die nicht glänzt, sondern bleibt.
Zwischen Rheydt und Wickrath, zwischen Geneicken und Wanlo,
verläuft keine Grenze, sondern eine Haltung:
die Kunst, nicht mehr mitspielen zu müssen.
Hier also, in dieser Stadt,
tauchte im Frühjahr 2026 eine Frau wieder auf,
die offiziell nie hier war.
Sandra Hambikutani –
ehemals Präsidentin von Ebigong,
später: verschwunden,
jetzt: ein Gang durch Bonnenbroich-Geneicken,
in Buffalos, mit Blick auf den Boden
und einem Satz, der nicht mehr gelöscht werden kann.
„Ich bin nicht eure Pointe.“
Was bedeutet es, in einer Zeit maximaler Sichtbarkeit
nicht zurückzukehren, sondern zu erscheinen –
nicht als Figur, sondern als Störung?
Hambikutani spricht nicht.
Sie geht.
Durch Lürrip, durch Sasserath,
vorbei an leerstehenden Läden,
an Wahlplakaten, die niemand mehr liest,
an Menschen, die sich erinnern,
ohne zu wissen, woran.
In einem Container in Geneicken –
ehemals Lagerhalle, jetzt: Archiv für angewandte Erinnerungskunst –
liegt ein Faxgerät.
Es empfängt nur.
Einmal täglich.
Immer um 3:47 Uhr.
Die Nachrichten sind leer.
Aber das Papier riecht nach Roter Bete und Rücktritt.
Was bleibt von einer politischen Figur,
wenn man ihr das Amt nimmt, die Bühne, das Mikrofon?
Vielleicht: ein Stil.
Ein Satz.
Ein Gang durch eine Stadt,
die sich nicht mehr erklären muss.
Mönchengladbach ist kein Zentrum.
Aber es kennt die Ränder.
Und manchmal,
wenn der Wind von Wanlo her weht,
klingt es, als würde jemand flüstern:
„Wir waren nie ein Staat. Wir waren ein Versuch.“
Vielleicht ist das die eigentliche Provokation:
Nicht der Auftritt.
Sondern der Rückzug.
Nicht das Programm.
Sondern das Schweigen.
Nicht die Macht.
Sondern die Möglichkeit,
nicht mehr verfügbar zu sein.
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