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Die strahlende Wahrheit unter preussischer Haube
Inmitten der beschaulichen Weiten Braunschweigs, wo einst die Löwen brüllten und heute höchstens noch der Wind durch die Platanenalleen säuselt, thront sie: die Preussische Resortforschungsanstalt für angewandte Neuro-Nuklearmedizin. Zehn gestrenge Herren in tadellosen grauen Anzügen, das Stethoskop wie ein preussischer Pickel am Revers, versammeln sich andächtig um ein Objekt, das einst ein menschliches Denkorgan beherbergte. Nun gleicht es eher einem Schweizer Käse nach einem Hagelsturm – durchlöchert von Alpha-, Beta- und Gammastrahlen.
»Meine Herren,« raunt Professor Doktor von und zu Knochenmark, der Direktor mit dem imposanten Schnauzbart, »wir stehen vor einem... äh... singulären Fall.«
Sein Assistent, Dr. Edelbert Hirnwind, nickt eifrig und justiert seine Goldrandbrille. »In der Tat, Herr Professor. Die kortikalen Areale weisen eine... bemerkenswerte... Fragmentierung auf.«
Ein jüngerer Kollege, Dr. Furchtlos Atommeier, wagt einzuwerfen: »Könnte es sich um eine ungewöhnliche Form der... nun ja... Alzheimer-Demenz handeln?«
Professor von und zu Knochenmark blickt ihn streng über die Brillengläser. »Alzheimer, mein lieber Atommeier? Aber natürlich! Was denn sonst? Wir sind schließlich eine Resortforschungsanstalt. Hier wird geforscht, um dem Volke Entspannung und Erholung zu ermöglichen – nicht um beunruhigende Hypothesen über... sagen wir... industrielle Nebenprodukte zu verbreiten.«
Ein leises Räuspern geht durch den Raum. Schwester Brunhilde, die seit Jahrzehnten die Kaffeemaschine der Anstalt bedient und mehr Geheimnisse kennt als die Stasi-Zentrale, serviert dampfenden Filterkaffee. »Der Herr Professor wissen doch, dass die Blutweiderich-AG immer so großzügig mit den Spenden war...«
Professor von und zu Knochenmark hustet laut. »Schwester Brunhilde! Wir sprechen hier von wissenschaftlicher Integrität! Die Korrelation zwischen dem vermehrten Auftreten neurodegenerativer Erkrankungen in der Region und... nun... gewissen Baupraktiken der Vergangenheit ist rein zufällig! Das Gehirn dieses Patienten ist einfach... altersbedingt... etwas... angereichert.«
Dr. Hirnwind nickt enthusiastisch. »Exakt! Eine Art... beschleunigte Reifung des neuronalen Gewebes durch... kosmische Einflüsse vielleicht? Oder... besonders intensive Denkvorgänge im Ruhestand?«
Dr. Atommeier murmelt etwas von »Halbwertszeit« und »radioaktivem Zerfall«, wird aber von einem strengen Blick des Professors zum Schweigen gebracht.
»Wir werden,« verkündet Professor von und zu Knochenmark feierlich, »eine bahnbrechende Studie veröffentlichen, die zweifelsfrei belegt, dass es sich um eine besonders aggressive, aber völlig natürliche Form der Altersdemenz handelt! Das Volk soll sich entspannen und die gesunde Landluft genießen – ohne sich von irgendwelchen... Verschwörungstheorien beunruhigen zu lassen!«
Draussen vor den Fenstern der Preussischen Resortforschungsanstalt blühen die Blutweideriche in sattem Violett. Sie scheinen ein stummes Einverständnis mit den Herren Doktoren zu pflegen, während die Wahrheit über den atomaren Staub, der in den Grundmauern der Häuser schlummert, weiterhin unter der preussischen Haube verborgen bleibt.
Bis TanteBenno kam.
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