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Der Tod gehört zum Leben. Leben ist Sterben-Wollen. Wer sein Sterbenwollen leugnet, der leugnet sein tiefstes Wollen. Frieden in uns und mit uns selbst haben wir nur, wenn unser Wollen mit unserem Müssen übereinstimmt. Das Sterbenmüssen gehört zum Leben. Gehört aber das Sterbenwollen nicht dazu, so gibt es in uns eine Diskrepanz zwischen Wollen und Müssen. Eine solche Diskrepanz zerreißt uns innerlich, macht uns hinundhergerissen, ist der tiefste Ursprung aller Ambilvalenz. Müssen aber nicht Wollen, das ist sinnloser innerer Kampf. Erst indem wir diesen Kampf aufgeben, uns dem Müssen ergeben, kehrt Friede in uns ein. Solange wir hoffen, das Müssen, das Sterbenmüssen überwinden und bezwingen zu können, reißen wir an uns selbst herum, zerren an uns, lassen uns nicht in Frieden, nicht in Ruhe und quälen uns. Die Quelle des inneren Friedens ist das Eingeständnis: Ich will sterben. Mit anderen Worten: Ich will, dass alles, alles aufhört, zu Ende geht, ein Ende nimmt, vernichtet wird. Der Wille zur Totalvernichtung lebt in uns allen. Leugnen wir ihn, belügen wir uns selbst. Belügen wir uns, stehen wir im Kampf mit uns. Stehen wir im Kampf mit uns, haben wir keinen inneren Frieden, keinen frieden mit uns selbst. Haben wir keinen inneren Frieden, ist das Dasein Qual, unendliche Qual. Und so führt die Leugnung unseres Todeswillens uns unfehlbar und zwangsläufig wieder zurück zum Eingeständnis unseres Todes- und Vernichtungswillens. Denn: ist unser Dasein Qual, so beginnen wir das Ende unseres Daseins herbei zu wünschen.
Manchmal taucht der Wille zur Totalvernichtung, der Wille zum Tod, zum Ende, der allem Sein und allem Leben innewohnt, in Menschen in Gestalt von Selbstmordgedanken auf. Selbstmordgedanken, Suizidalität sind die verzerrte und pervertierte Erscheinungsform des natürlichen Todeswillens. Leugnen wir unseren Willen zum Ende, so kommt er durch die Hintertür des Bewusstseins wieder herein und drängt sich auf. Selbstmordgedanken sind Ausdruck inneren Zerrissenseins. Inneres Zerrissensein beruht auf der Leugnung der Tatsache, dass wir alle sterben wollen. An die Stelle des natürlichen Sterbenwollens, des Ja zum Tod, tritt dann das Sich-selbst-Zerstörenwollen. Der Wille zur Selbstzerstörung ist etwas ganz und gar anderes, als der Wille zum Tod. Alles Sich-selbst-zerstören-Wollen endet, wo der eigene Todeswillens eingestanden wird.
Solange wir unser Sterbenwollen leugnen, erleben wir die Tatsache unserer Sterblichkeit und Endlichkeit als einen entsetzlichen Zwang, als ein widerwärtiges Muss. Wenn wir uns aber eingestehen, dass unser Sterbenmüssen, unsere Endlichkeit und Sterblichkeit auf einem uns unbedingt innewohnenden WOLLEN und Begehren beruht, so leisten wir nicht länger Widerstand gegen dieses innerste Müssen und können es, indem wir uns damit identifizieren und einverstanden erklären als das erleben, was es eigentlich ist, nämlich nicht mehr als ein widerwärtiges Müssen, sondern als ein inniges Begehren und Wollen. Sobald wir also unserem Sterbenmüssen unsere bewusste Zustimmung geben, vor uns selbst unser Einverständnis damit erklären, verwandeln wir unser Sterbenmüssen in ein Sterbenwollen, so dass unser Tod uns endlich als das erscheint, was er in Wahrheit auch ist: die höchste und letzte Erfüllung, die höchste und letzte Erfüllung unseres stärksten und wahrhaftigsten inneren Strebens, Begehrens, Bedürfens und Wollens.
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