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Dr. Dr. Johannes Metter schrieb am 23.1. 2026 um 21:13:27 Uhr über

masse

Im experimentellen Kontext beziehen sich sowohl negative relative Masse als auch Zeitkristalle nicht auf exotische Science-Fiction-Konzepte, sondern auf präzise definierte Effekte in wohldefinierten physikalischen Systemen, meist in der Quanten- und Festkörperphysik. In beiden Fällen handelt es sich um effektive Eigenschaften, die aus der Dynamik kollektiver Systeme entstehen, nicht um neue fundamentale Teilchen oder eine Verletzung etablierter Naturgesetze.

Negative relative (effektive) Masse

In der klassischen Mechanik ist Masse stets positiv definiert. In quantenmechanischen Vielteilchensystemen kann jedoch eine effektive Masse auftreten, die aus der Dispersionsrelation eines Systems folgt. Sie ist definiert über die Krümmung der Energie-Impuls-Beziehung.

Ist diese Krümmung negativ, verhält sich das System so, als hätte es eine negative Masse.

Experimentell wurde dieses Verhalten insbesondere in Bose-Einstein-Kondensaten (BECs) und in optischen Gittern beobachtet. Atome bewegen sich dort nicht frei, sondern in einem durch Laser erzeugten periodischen Potential. In bestimmten Bereichen der Bandstruktur reagieren sie auf äußere Kräfteverkehrt herum“: Eine Kraft nach rechts führt zu einer Beschleunigung nach links. Dieses Verhalten wurde unter anderem genutzt, um Dynamiken ohne klassische Instabilitäten zu studieren, etwa bei der Simulation kosmologischer Phänomene oder bei der Untersuchung von Schallausbreitung in Quantengasen.

Wichtig ist:

Die Teilchen besitzen weiterhin positive Ruhemasse.

Es handelt sich nicht um „antigravitative“ Materie.

Die negative Masse ist relativ und kontextabhängig, nicht fundamental.

Zeitkristalle

Zeitkristalle sind eine neue Phase der Materie, deren Existenz 2012 von Frank Wilczek theoretisch vorgeschlagen wurde. Die zentrale Idee besteht darin, dass ein System nicht nur eine räumliche, sondern auch eine zeitliche Translationssymmetrie spontan bricht. Anders gesagt: Das System zeigt eine periodische Dynamik in der Zeit, ohne von außen periodisch angetrieben zu werden.

Nach anfänglicher Skepsis gelang 2017 der experimentelle Nachweis sogenannter diskreter Zeitkristalle. Diese wurden realisiert in:

Ketten von gefangenen Ionen

Spin-Systemen in Diamanten

supraleitenden Qubits

In diesen Experimenten wird das System periodisch angeregt, antwortet jedoch mit einer stabilen Oszillation mit einem ganzzahligen Vielfachen der Anregungsperiode. Diese Oszillation ist robust gegenüber Störungen und nicht einfach eine Resonanz, sondern ein kollektiver, phasenstabiler Zustand.

Charakteristische Eigenschaften von Zeitkristallen:

keine Energieaufnahme trotz periodischer Anregung

Stabilität durch Vielteilchen-Lokalisierung oder Quantenkorrelationen

keine Verletzung des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik

Für die experimentelle und theoretische Klärung der Zeitkristalle wurde 2021 der Nobelpreis für Physik (Haldane, Kosterlitz, Thouless) vergeben, da sie in den größeren Kontext topologischer und nichtgleichgewichtiger Materiephasen gehören.

Einordnung und Missverständnisse

Beide Phänomene werden außerhalb der Fachwelt häufig missinterpretiert. Weder negative effektive Masse noch Zeitkristalle implizieren:

Zeitreisen

Perpetuum mobile

Verletzungen der Relativitätstheorie

neue fundamentale Teilchen

Stattdessen zeigen sie, dass kollektive Quantensysteme emergente Eigenschaften entwickeln können, die im Rahmen der bekannten Physik vollständig konsistent sind, aber der klassischen Intuition widersprechen.

Zusammenfassung

Negative relative Masse und Zeitkristalle sind experimentell realisierte, gut verstandene Effekte moderner Physik. Sie demonstrieren, dass „ungewöhnliches Verhaltennicht aus neuen Naturgesetzen resultiert, sondern aus der komplexen Dynamik vieler Freiheitsgrade unter quantenmechanischen Bedingungen. Ihre Bedeutung liegt weniger in spektakulären Anwendungen als in der Erweiterung des Verständnisses davon, welche Formen von Ordnung und Dynamik Materie annehmen kann.


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