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Nina – Vergebung
Nina predigt
jeden Sonntag
über Vergebung.
Die Menschen
mögen ihre Stimme.
Sie klingt,
als hätte sie
keine Eile.
Nach dem Gottesdienst
bleibt sie oft
noch auf dem Kirchplatz.
Sie hört zu.
Einer erzählt
von seiner Krankheit.
Eine andere
von ihrem Mann.
Ein Kind
zeigt ihr
einen Regenwurm.
Für alle
findet Nina
die richtigen Worte.
Nur für sich
nicht.
Als ihre Eltern
auseinandergingen,
fragte sie
ihre Mutter:
»Wer hat gesündigt?«
Sie war neun.
Sie glaubte,
jede Trennung
brauche
einen Schuldigen.
Die Antwort
kam nie.
Stattdessen
gab es
zwei Wohnungen,
zwei Adventskalender,
zwei Weihnachten.
Und immer
das Gefühl,
dass Freude
geteilt
kleiner wird.
Ihr Vater
schrieb Briefe.
Anfangs.
Dann Postkarten.
Dann gar nichts mehr.
Nina hob
jeden einzelnen auf.
Nicht,
weil sie
sie oft las.
Sondern weil sie
Angst hatte,
auch die letzte Spur
könnte verschwinden.
Heute
liegen sie
in einer Schachtel
unter ihrem Bett.
Sie kennt
jeden Knick
im Papier.
Jede Handschrift.
Nur den Mann,
der sie schrieb,
kennt sie
nicht mehr.
Vor einigen Jahren
stand ihr Vater
plötzlich
in der Kirche.
Ganz hinten.
Nach dem Gottesdienst
wartete er.
Er war älter geworden.
Langsamer.
Er sagte:
»Ich wollte nur sehen,
wie es dir geht.«
Nina nickte.
Sie fragte nicht,
warum er
drei Jahrzehnte
gebraucht hatte.
Sie sagte auch nicht,
wie oft sie
als Kind
am Fenster gestanden hatte.
Sie wünschte ihm
einen guten Heimweg.
Mehr nicht.
Am Abend
bereitete sie
ihre Predigt
für den nächsten Sonntag vor.
Der Satz lautete:
„Vergebung beginnt dort, wo Menschen einander wieder ansehen.“
Sie starrte
lange
auf das Papier.
Dann strich sie
den Satz durch.
Denn sie wusste,
dass Vergebung
manchmal
nicht daran scheitert,
dass man
nicht vergeben will.
Sondern daran,
dass das Kind
in einem
noch immer
auf den Vater wartet,
der eines Tages
einfach
aufgehört hat,
zu kommen.
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