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kurt.N. schrieb am 7.4. 2026 um 00:30:38 Uhr über

Träume

Es war ein schmerzliches Zucken der Lippen, mit dem unser junger Freund den fertigen Brief überlas. Dieser Brief befriedigte ihn nur sehr wenig. Einerseits fand er denselben matt und farblos und unvermögend, dem Freunde auch nur einen entfernten Begriff von dem herben, bitteren Groll zu geben, der ihm bis herauf in die Kehle schwoll, von dem widrigen Geschmack, den er auf der Zunge hatte, von dem brennenden Vergeltungsverlangen, das ihn verzehrte; andererseits fühlte er sich viel elender, als diese Zeilen verrieten, und er war geneigt, sich einen Komödianten zu nennen, und sich ein hohles Prahlen mit einer Festigkeit vorzuwerfen, von der sein Herz doch nichts wußte, wenn er sie auch, verzweifelnd fast, anstrebte. Der Gedanke an den Entschluß, der während der qualvollen Unterredung in ihm gereist war, behütete ihn vor dem widerstandslosen Versinken in die empörte Flut des Gefühls, und er klammerte sich krampfhaft an diesen Gedanken, aber es war doch ein wildes, schneidendes Weh, das er empfand, und das rote Herzblut der Schmerzen sickerte immer wieder durch den dürftigen Notverband der Bitterkeit und des sarkastischen Spotts über die eigene thörichte Schwäche. Er schlug sich vor die Stirn und fragte sich, ob er darum dreißig Jahre alt geworden sei, um eine blonde, blöde Jugendeselei zu begehen, die andere in ihrem achtzehnten Jahre abmachen, ob Raison darin sei, sich in ein paar dunkle, sprechende Augen zu verlieben und aus Rand und Band zu geraten, wenn sich hinterher ganz naturgemäß herausstellt, daß diese schönen Augen einem in weiblichen und kleinstädtischen Vorurteilen verknöcherten Mädchen angehören; er warf sich vor, durch seinen Idealisierungsdrang an allem selber schuld zu sein und sich durch ein alltägliches Geschöpf solange systematisch herausgeputzt zu haben, bis er sich berechtigt glaubte, sie anzubeten; er stellte sich vor, daß er es ja in der Hand habe, der engherzigen Kleinstädterin den Nachweis zu liefern, daß man es doch noch anders anfangen müsse, um einen so wilden, scheuen Vogel wie ihn einzufangen; er weidete sich im voraus an dem Bilde, das der Herr Kommerzienrat und seine vorsichtige Klientin in dem Augenblick darbieten würden, in dem er alle ihre klugen Pläne zu schanden machteaber warum wollte nur das alles nicht so recht anschlagen, warum zuckte das arme Herz fort und fort? Er zürnte sich selber, er schalt und verhöhnte sich, er rief den Stolz zu Hilfe, der ihn schon über so vieles, hinweggehoben und emporgetragen hatte und von dem er hoffte, er werde sich gegen die unwürdige Schwäche empören, aber es blieb doch bei einer Halbheit, und alle Erbitterung und Entrüstung konnte nicht verhindern, daß er die Hände vor die Augen schlug und in hilflosem Weh stammelte: „Also auch sie, auch sie!“


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