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eigenen Märkte gezwungen werden (die so genannte Super301-Strategie der USA, s. Göll 1994).
Zweitens konnte die »neue Außenwirtschaftstheorie« zur Begründung weiterer, eigener Liberalisierungsschritte herangezogen werden. Gerade die Maximierung von Skalenerträgen sei nur bei einer weiteren Spezialisierung im Rahmen des intra-i'ndustriellen Handels möglich. Diese erfordere aber den Abbau nicht-tarifärer Handelshemmnisse wie beispielsweise unterschiedlicher Sicherheitsstandards. Dieses Argument wurde besonders wirkungsvoll zur Begründung von Deregulierungsmaßnahmen im Rahmen von Freihandelszonen eingesetzt, beispielsweise im Cecchini-Bericht für Europa 1992, für die nordameri-' kanische Freihandelszone (NAFTA) und für GATS.
Entdeckung transnationaler Dienstleistungen
Die Entdeckung der Dienstleistungen als Gegenstand internationaler Handelsliberalisierungen steht in einem engen Zusammenhang mit den durch die Außenhandelsbilanzdefizite der USA ausgelösten Debatten. Vorreiter waren die Versicherungsgesellschaft American International Group (AIG) und der Pionier internationaler Zahlungsmittel, die Firma American Express. Beide Konzerne machten Expertlnnen internationaler Wirtschaftsbeziehungen zu Vizepräsidenten, die mit Buchveröffentlichungen und Konferenzen der Idee zum Durchbruch verhalfen, dass Dienstleistungen transnational erbracht werden können, nationale Regulierungen der jeweiligen Branchen dies behindern und folglich der Abbau dieser Barrieren im Rahmen des GATT multilateral ausgehandelt werden müsse. Gegenüber US-amerikanischen Zuhörern betonten sie zudem die starke Wettbewerbsstellung heimischer Anbieter. In der Reagan-Regierung fanden deren Argumente begeisterte Aufnahme, da sie die Möglichkeit eröffneten, den handelspolitischen Druck in freihändlerische Bahnen zu lenken (McDowell 1994). Die Aufnahme der Dienstleistungen in das Vertragswerk der WTO in Form des Allgemeinen Abkommens über den Dienstleistungsverkehr (GATS) bildete den vorläufigen Höhepunkt dieser Kampagne.
Die strategische Handelstheorie diente zur Begründung der Liberalisierung der grenzüberschreitenden Dienstleitungserbringung. Die Skalenerträge nehmen für Dienstleistungsunterneh-
40 3. Ökonornische Begründungen der Liberalisierung
men aufgrund steigender Kapitalintensität in vielen Bereichen zu. Beispielsweise setzt das Bank- und Versicherungsgeschäft heutzutage den Einsatz kompiexer informationssysteme voraus. Verbundvorteile (»economies of scope«) entstehen beispielsweise innerhalb von transnationalen Informations-, Daten- und Marketingverbünden. Besondere Vorteile ergeben sich auch für diejenigen, denen es gelingt, sich als Erste auf einem neuen Markt zu etablieren, um dort die nötige Erfahrung und Unternehmensgröße zu entwickeln (der so genannte first mover advantage,'
Barth 1998: 32-33).
Freilich wird eingeräumt, dass Handelsliberalisierungen nicht in jedem Falle zu einer effizienteren Nutzung von Ressourcen führen. Bei der Liberalisierung auf internationaler Ebene handelbarer Dienstleistungen können Wohlfahrtverluste entstehen, wenn gleichzeitig von Faktor(insbesondere Arbeitskräfteangebc)t und Nachfragebevvegungen abhängige Dienstleistungen weiter beschränkt bleiben. Diese könnten beispielsweise eintreten, wenn Hochschuldienstleistungen liberalisiert werden, aber bei der Besoldung noch Beamtenrecht eingehalten werden muss. Dann könnten die heimischen Hochschulen nicht mit den ausländischen Anbietern konkurrieren und die bisherigen Investitionen in die Hochschulen blieben zumindest teilweise ohne Ertrag. Diese Einschränkung hat allerdings für die Befürwc)rter weiterer Liberalisierungen den Vorteil, dass sie insgesamt die genannten wohlfahrtstheoretischen Überlegungen vor Kritik schützt. Solange nicht alle Sektoren liberalisiert sind, kann das Ausbleiben von Wohlfahrtsgewinnen mit dem Hinweis auf die noch bestehenden Beschränkungen begründet werden: »Je mehr Arten des Austausches liberalisiert werden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit von wohlfahrtsgevvinnen« (Fetzer 1992: 94).
Die Bezugnahme auf die strategische Handelstheorie eröffnet zugleich die Möglichkeit für ein paradigma-immanentes in Frage stellen der genannten Liberalisierungsvorteile. Wie bereits erwähnt, fallen die modelltheoretischen Ergebnisse bei Berücksichtigung von Spezialisierungseffekten und Skalenerträgen nicht mehr eindeutig aus. Beispielsweise kann gezeigt wer den, dass im Falle der Monopolstellung eines ausländischen Anbieters das importland durch die Entwicklung eigener Produzenten unter Ausschluss des Monopolisten seine Wohlfahrt ver-
3, ono ische egründungen der Libera isierung
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