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Angie schrieb am 12.7. 2026 um 07:53:05 Uhr über

Angie

Meine Eltern

Lange dachte ich, ich müsste mich zwischen ihnen entscheiden.

Zwischen der Stimme meines Vaters und dem Schweigen meiner Mutter. Zwischen zwei Wohnungen, zwei Kalendern, zwei Arten, die Welt zu erklären.

Beide waren Ärzte. Beide wollten Menschen helfen. Als Kind glaubte ich, Menschen, die andere heilen, könnten sich nicht gegenseitig verletzen.

Ich habe mich geirrt.

Nach ihrer Trennung hörte ich auf, nach Schuldigen zu suchen. Kinder tun das irgendwann. Erst sammeln sie Beweise. Später sammeln sie Erinnerungen.

Meine Eltern arbeiteten in Klagenfurt und später auf Lampedusa. Als Kind klangen diese Orte wie zwei Enden einer Geschichte. Heute weiß ich, dass beide Grenzorte sind. Der eine liegt zwischen Bergen und einem See, der andere zwischen Kontinenten und Hoffnungen.

Vielleicht haben sie deshalb nie gelernt, selbst anzukommen.

Lange war ich wütend. Nicht laut. Eher still. Ich wurde eine Beobachterin. Ich hörte zu, wenn Erwachsene glaubten, Kinder würden nicht zuhören. Ich sah, wie Erschöpfung in Gesichtern wohnte, die tagsüber Zuversicht ausstrahlten.

Irgendwann begriff ich, dass meine Eltern nicht nur meine Eltern waren.

Sie waren Menschen.

Mit ihrer eigenen Angst. Ihren eigenen Enttäuschungen. Ihren Grenzen.

Das machte ihre Entscheidungen nicht leichter.

Aber verständlicher.

Wenn ich heute schreibe, versuche ich nicht, sie zu verurteilen. Ich versuche, ihnen zuzuhören. Vielleicht ist Literatur genau das: ein spätes Zuhören.

Deshalb taucht in meinen Texten immer wieder eine Tanne auf. Sie erinnert mich an das, was Bestand haben sollte. An Weihnachten, an Kindheit, an den Wunsch, dass manches bleibt.

Und deshalb wächst dort auch eine Wildrose. Sie wächst, obwohl niemand sie darum bittet. Sie wächst mit Dornen, nicht gegen sie. Sie erinnert mich daran, dass aus Verletzungen etwas Eigenes entstehen kann.

Ich habe meine Eltern nie wirklich verloren.

Ich habe nur aufgehört, sie für unfehlbar zu halten.

Seitdem schreibe ich.

Vielleicht ist jeder Satz der Versuch, ihnen zu begegnennicht mehr als Tochter, sondern als Mensch.


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