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Franziska schrieb am 25.12. 2005 um 20:51:44 Uhr über

DasFüllhornDesEwigenErbrechens

Es war noch früh am Morgen im Zauberwald. Zwitschi, unser kleiner Vogel, war putzmunter. Er sprang aus seinem Schlafkorb und suchte in Puhs Vorratsschrank nach Sonnenblumenkernen. Das Rascheln der Tüten störte den Zwerg in seinen süßen Träumen. Puh richtete sich im Bett auf und fragte verschlafen: »Was machst du denn schon so früh?« »Ich suche mir etwas für mein Frühstück. Schlaf weiter, ich hab's ja schon gefunden.« »Ich kann nicht weiterschlafen«, brummte der Zwerg, »dank dir, lieber Zwitschi. Nun sag mir wenigstens, wieso du dein Bett schon verlassen hast.« »Ich will in den Wald hinaus und dort nach Erdbeeren und Himbeeren suchen. Willst du mitkommen? - Jetzt, wo du schon wach bist!« »Wenn du noch ein wenig Geduld hast«, sagte Puh. »Die habe ich nicht. Wenn ich nicht schnell genug bei den Sträuchern bin, haben mir vielleicht die frechen Amseln schon die süßesten Früchte vor der Nase weggeschnappt.« »Dann mußt du eben ohne mich losflattern«, sprach Puh und drehte sich noch einmal um. Zwitschi steckte sich noch ein paar Kerne in den Schnabel, trippelte zur Tür hinaus und nahm eine erfrischende Dusche am Springbrunnen. Als er die Wassertropfen aus seinen Federn schüttelte, bespritzte er Pünktchen, das im weichen Gras schlummerte. »Es regnet«, rief es erschrocken. »Keine Angst, Pünktchen«, sprach Zwitschi, »es regnet nicht. Ich habe nur die Wassertropfen von mir perlen lassen.« »Du hast mich aber erschreckt.« »Tut mir leid«, sagte der Vogel. »Wieso bist du eigentlich schon auf den Beinen um dieses Zeit«, wollte das Reh wissen. »Ich will Beeren pflücken.« »Da komme ich mit«, sagte Pünktchen und streckte sich. Es konnte schon den süßen Duft der Erdbeeren riechen. Das Reh erhob sich von seinem Schlafplatz und nahm ebenfalls eine kleine Dusche unter dem Springbrunnen. Dann holte es einen Korb. Willy, das Käuzchen flog gerade auf sein Nest zu, als es die beiden Frühaufsteher entdeckte. »Hallo, ihr zwei, schon munter?«, fragte der kleine Nachtvogel. »Ja, wir wollen Beeren sammeln«, im Chor antworteten sie. »Da komme ich mit, Beeren liebe ich so sehr, daß ich auf meinen wohlverdienten Schlaf verzichte«, sprach Willy. »Dann gehen wir eben zu dritt«, strahlte Zwitschi, der schon befürchtet hatte, allein gehen zu müssen.

Ein fröhliches Lied auf den Lippen zogen sie durch den Wald. Davon wurden die drei Hasenkinder, Stachelchen, Hüpf und die beiden Tauben Guri und Guru wach. Sie schlossen sich kurzerhand den Beerensammlern an und nun waren sie schon zu zehnt. Zehn Waldbewohner. Zehn Körbe. Ob da die Beeren reichten? Zwitschi befürchtete schon schlimmes und war sauer. Wäre er doch zum Gartentor hinausgeschlichen! Dann könnte er die Waldfrüchte alleine ernten. Aber als sie an den Beerensträuchern angekommen waren, stellten sie fest, daß jeder Korb bis oben hin voll werden würde. So viele Himbeeren und Erbeeren gab es. Die kleinen Zweige der Himbeersträucher neigten sich zur Erde unter ihrer schweren Last. Die Erdbeersträucher schimmerten rot. Ihre Blätter konnten die Beerenpracht nicht verstecken. Die Tiere pflückten, naschten und pflückten, bis sie satt und die Körbe voll waren. Dann setzten sie sich auf die Waldwiese und ruhten aus. Nur Zwitschi nicht. Der neugierige Vogel flog herum und besah sich allerlei. »Oh, da ist ja ein kleiner Marienkäfer. Mal sehen, wie viele Punkte er hat«, rief er entzückt. Doch der kleine Käfer erschrak vor dem in seinen Augen ja großen Vogel und verschwand so schnell er konnte. Zwitschi ließ ihn fliegem imd setzte sich auf einen Lindenzweig. Von dort aus sah er einen ungewöhnlichen Strauch. Er setzte sich in Bewegung und suchte ihn auf. Die Blätter des Strauches waren herzförmig und von einer dunkelroten Farbe. Die kleinen Beeren aber waren gelb, wie die Sonnenblumen und hatten grüne Punkte. »Ich werde kosten«, beschloß Zwitschi und zerdrückte eine dieser merkwürdigen Beeren im Schnabel. »Ist das köstlich«, sprach er voll Begeisterung, »ich werde den anderen von den Beeren erzählen. Sie sollen auch davon naschen.« Er begab sich zu den übrigen Tieren und tirilierte: »Ich habe die besten Beeren des Waldes gefunden. Kommt alle mit. Sie sind so süß und schmecken einfach gut.« Die anderen folgten Zwitschi. Als sie den Strauch mit den Beeren sahen, waren sie überrascht. Keiner von ihnen hatte ja diese Früchte gesehen. »Kostet mal«, rief der Vogel. »Nein«, sagte Hüpf, »wir wissen nicht, ob man die essen darf. Puh sagt doch immer, es gibt auch giftige Beeren im Wald, die wir lieber nicht anrühren sollen.« »Die sind aber eßbar. Ich bin doch auch noch munter und habe davon genascht«, ereiferte sich Zwitschi. »Trotzdem«, sagte Hüpf, »sei lieber froh, daß es dir gut geht und laß die Beeren stehen. Wir gehen am besten gemeinsam zu Puh und fragen ihn, ob man sie essen darf.« Das war ein vernünftiger Vorschlag. Doch Zwitschi hatte Stachelchen und den Hasenkindern den Mund wäßrig gemacht und auch sie kosteten von den Beeren. »Könnt ihr nicht einmal auf meinen guten Rat hören?«, fragte Hüpf sauer. »Nein«, antwortete Stachelchen, »wenn wir auf dich gehört hätten, hätten wir nie erfahren wie köstlich diese Früchte sind.« »Laßt uns nicht streiten. Wir gehen lieber zur Wiese zurück und holen die Körbe, bevor es ein anderer tut«, schlug Guri vor und die anderen folgten der Taube. Auf der Waldwiese nahm ein jeder seinen Korb und wollte nach Hause gehen. »Siehst du Hüpf«, sprach Langöhrchen, »es ist nichts passiert. Du hast dich umsonst aufgeregt.« Und Zwitschi lachte: »Hab ich es euch nicht gesagt. Weil du so feige warst lieber Hüpf sind dir die besten Beeren des Waldes entgangen.« »Darüber bin ich froh«, rief das Eichhörnchen, »so erspare ich mir wenigstens die Bauchschmerzen, die einige von euch bekommen könnten.« Nun wollte ein jeder seiner Wege gehen oder fliegen. Aber dazu kam es nicht.

Kaum war Zwitschi gestartet, erschütterte ein heftiger Schluckauf seinen kleinen Körper. Jetzt lag er schräg in der Luft und sein Korb auch. Die Beeren purzelten heraus. Und ehe Zwitschi sein Gleichgewicht wiederfand, war der nächste Schluckauf schon da. Die restlichen Beeren regneten zu Boden. Der Vogel landete auf dem Gras und sammelte seine verlorenen Früchte wieder ein. Doch immerzu plagte ihn dieser schreckliche Schluckauf, der ihn regelrecht durch die Luft springen ließ. Bald darauf aber hatten auch die Hasenkinder und Stachelchen diesen schlimmen Schluckauf. »Oje, das waren besti hix bestimmt diese Beeren«, sagte Zwitschi, unterbrochen von einem weiteren Schluckauf. »Wir lassen die Früchte zurück und gehen gemeinsam zu Puh, vielleicht kann er euch helfen«, schlug Hüpf vor. »Och nicht doch hix «, schluckaufte Schnuffi, »wenn wir die Früchte stehenlassen, pick hix picken sie bestimmt die Ams hix Amseln weg.« »Ist doch egal«, sprach Pünktchen, »das wichtigste ist doch, daß ihr wieder gesund werdet.« Die Schluckauf-Tiere gaben nach. Das Reh versteckte die Körbe hinter hohen Gräsern und sie gingen, flogen oder hixten sich in den Zwergengarten. Stachelchen und Zwitschi nutzten den Weg für eine Entschuldigung bei Hüpf, der ihnen schon längst verziehen hatte.

Als der Zwerg die vom Schluckauf hüpfenden Tiere sah, wunderte er sich. »Was habt ihr denn gemacht?«, fragte er besorgt. »Sie haben von den gelben Beeren mit den grünen Punkten genascht«, erklärte Willy. »Oh nein, das waren die Schluckauf-Beeren. Ich habe euch doch erklärt, daß ihr keine unbekannten Früchte essen dürft«, sprach der Zwerg. »Schon, aber sie waren so köstlich«, jammerte Zwitschi, der wußte, daß er an allem schuld war. »Jetzt habt ihr natürlich ein großes Problem. Leider kann ich euch nicht helfen. Am besten, ich bringe euch zu Agathe, die weiß sicher einen Rat«, sagte Puh nach kurzer Überlegung. Und weil es den Tieren, die unter dem Schluckauf litten, schwerfiel vorwärts zu kommen, spannte Puh Pünktchen vor den Wagen und die Patienten nahmen mit dem Zwerg darin Platz. Der kleine Wagen bewegte sich hin und her. Auch er wurde vom Schluckauf der Tiere erschüttert. »Bleibt hier sitzen«, sagte Puh, als sie das Eulennest erreicht hatten, »ich klettere am Baum hoch und erkläre Agathe alles.« Oben angekommen klopfte der Zwerg an die Tür. Die Eule öffnete und zwei kluge Augen sahen den Zwerg an. Puh schilderte ihr die ernste Lage. »Schwierig«, sprach die Eule, »ich werde einmal meine Bücher fragen.« Sie nahm ein besonders dickes Buch aus dem Regal, worin alle Pflanzen des Waldes abgebildet waren. »Gelbe Beeren mit grünen Punkten sagtest du?«, fragte sie noch mal beim Zwerg nach. »Genau, man nennt sie auch Schluckauf-Beeren«, antwortete dieser. »Hier, sieh mal, ich habe sie gefunden«, sprach die Eule. Aufmerksam las sie die Zeilen: »Wer von den Beeren nascht, wird einen Schluckauf bekommen. Dieser wird nur durch ein Kräutersäftlein geheilt werden können. Es muß aus Hibiskus, Kamille, Rittersporn und Erdbeerblättchen bestehen.« »So ein Säftlein habe ich nicht. Ich könnte natürlich eines zubereiten, aber das würde Stunden dauern. Am besten du fragst Gundula. Die gute Krähe hat viele heilende Säfte vorrätig.« Puh befolgte den guten Rat und mit seinen hixenden Freunden und Pünktchen steuerte er das Krähennest an.

Gundula war nicht zu Hause. An ihrer Tür hing ein kleiner Zettel. »Bin bei meiner Mutter zum Kaffee.« »Dann muß ich eben einbrechen. Ich kann die Tiere doch nicht leiden lassen. Gundula will das sicher auch nicht«, beschloß Puh. Er drückte vorsichtig gegen die Tür. Sie ließ sich öffnen. Geschickt kletterte er in das Krähennest. »Wo hat sie jetzt nur ihre Tinkturen«, fragte er sich. Puh sah zuerst im Küchenschrank nach. Da standen bunte Tassen und Teller. Dann entdeckte er einen kleinen Schrank in der Ecke beim Fenster. Darin hatte Gundula ihre Handtücher aufbewahrt. »Ist ja schon ein Anfang, aber immer noch nicht das richtige«, murmelte der Zwerg. Er verließ die Küche und kam in eine Art Kräuterkammer. Als er die getrocknete Kamille roch, mußte er kräftig niesen. »Hier ist es bestimmt«, vermutete Puh. Eigentlich war ihm bei seinem Einbruch nicht gerade wohl zumute, aber die Tiere waren in Not und es gab nur diesen Weg. »Da ist ja ein niedlicher kleiner Schrank«, rief er begeistert. Als er ihn öffnete, sah er jede Menge Flaschen. Was würde wohl die richitge sein. Er ging die Fächer von oben nach unten durch, bis er am Fach mit dem Buchstaben »S« anlangte. Und dort stand eine kleine Flasche, auf der das Wort »Schluckauf« geschrieben stand. Der Zwerg nahm sie an sich und brachte sie seinen Freunden. Dann mußte jeder den Mund weit öffnen und Puh träufelte den Tieren nach Gundulas Angaben 5 Tropfen ein. Und der Saft half. Schnell begab sich der Zwerg zurück ins Krähennest und stellte die kleine Flasche an ihren Platz., Er hinterließ der Krähe noch eine Nachricht und ging zurück zu den anderen. Gemeinsam begaben sie sich dann zur Waldwiese und holten die Körbe ab. Auf dem Rückweg hielten sie zuerst bei Agathe und brachten ihr ein paar Beeren zum Dank. Dann fuhren sie zum Krähennest. Gundula war inzwischen wieder zu Hause und Puh blieb noch lange bei ihr, denn er hatte so einiges zu erzählen. Die anderen Tiere liefen aber mit ihren Körben nach Hause. Nur Pünktchen wartete auf den Zwerg. Und ehe der zurückkam, hatte es die ganzen Beeren gegessen.


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