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»Und jetzt könnt ihr nach Hause huschen«, sagte Puh nachdem die Schulstunde geendet hatte. Die Tiere sprangen von ihren Stühlen, schnappten sich ihre Schulmappen und flitzten aus dem Schulgebäude. Puh winkte ihnen und lächelte. Dann ging er zurück ins Klassenzimmer. Die Kleinen hatten eine Arbeit in Waldkunde geschrieben. Diese wollte er noch schnell durchsehen. Er nahm ein Heft. Es gehörte Zwitschi. Stirnrunzelnd las er: »Die Eichhörnchen legen Eier und brüten sie aus.« »Oje, da hat er aber ganz schön daneben gelegen«, murmelte der Zwerg. »Diese Arbeit schaue ich mir zum Schluß an. Mal sehen, was die anderen so geschrieben haben.« Er legte das Heft zur Seite und öffnete das von Willy. Das Käuzchen hatte die zehn Fragen richtig beantwortet und Puh malte einen dicken Marienkäfer neben die 1. Die Rehe hatten ebenfalls sehr gut abgeschnitten. Die Maulwürfe hatten nicht alles gewußt und deshalb eine 2 bekommen. Nur der kleine Vogel, den der Zwerg so gern hatte, bereitete ihm Kopfzerbrechen. Als er dessen Heft noch einmal zur Hand nahm und weiter darin las, wurde er immer betrübter. Da stand: »An den Kastanienbäumen wachsen zuerst Eicheln. Wenn man sie hängenläßt, werden sie größer und am Ende sind es dann Kastanien.« »So ein Unsinn«, schimpfte Puh. Doch das war noch nicht alles: »Im Waldsee wachsen Fische. Sie entstehen aus den kleinen Algen, wenn ein Seestern darüber hinwegschwimmt.« »Oh, nein«, Puh hielt sich die Augen zu. Er konnte es nicht fassen. So ein Dummkopf war Zwitschi doch eigentlich nicht. War er vielleicht gegen einen Baum geflogen? Der Zwerg setzte seinen Rotstift an und wurde immer trauriger. Und als er gerade eine dicke fette 6 unter Zwitschis schlechte Arbeit schreiben wollte, mußte er lesen: »Puh bitte steck den Rotstift weg und dreh das Blatt herum, dann wird dir nämlich auffallen, der Zwitschi ist nicht dumm.« Der Zwerg befolgte die Anweisung und auf der Rückseite standen die richtigen Antworten auf alle zehn Fragen. »So ein frecher kleiner Vogel. Na warte dir schreibe ich eine 6 unter die erste Seite. Mal sehen, was du morgen dazu sagst.« Dann legte er die Hefte beiseite und ging nach Hause.
Die Maulwurfskinder waren schon zu Hause. Sie hatten erst noch eine Weile mit den anderen Schultieren Fangen gespielt, wollten aber lieber noch für die Mathearbeit lernen und waren deshalb in ihren gemütlichen Hügel gelaufen. »Ist ja merkwürdig«, sprach der kleine Grabi. »Was denn?«, fragte Schaufelchen. »Die Küchentür ist verschlossen und da hängt ein Schild dran!« Jetzt merkte es Schaufelchen auch. Und was stand darauf geschrieben: »Bitte nicht hereinkommen. Ich bereite gerade eine Überraschung für Papa vor. Euer Essen steht im Wohnzimmer auf dem Tisch. Laßt es euch schmecken.« Grabi und Schaufelchen setzten sich an den Wohzimmertisch. Dort stand ein großer Topf Linsensuppe und eine Schüssel mit Erdbeerquark bereit. Die beiden aßen sich satt. »Weißt du, warum Mama Papa überraschen will?«, fragte Grabi. »Vielleicht haben sie ja Hochzeitstag.« »Den hatten sie doch vor drei Wochen erst. Sie haben doch nur einmal geheiratet! Oder?« »Komische Frage, Grabi, natürlich haben sie nur einmal geheiratet. Da muß es einen anderen Grund geben«, Schaufelchen runzelte seine Stirn. »Ich hab's, ich hab's«, rief er plötzlich. »Papa hat morgen Geburtstag!« »Das hatte ich völlig vergessen.«, sagte Grabi erschrocken. »Ich doch auch«, gab Schaufelchen zu. »Laß uns für ihn etwas basteln, wenn wir mit Lernen fertig sind.«, schlug Grabi vor. Sein Bruder war einverstanden. Und so machten sie nach dem Lernen einen schönen Perlenuntersetzer. »Abendessen«, rief Scharri und die beiden kleinen rannten zum gedeckten Tisch. »Wie das duftet«, flüsterte Grabi Schaufelchen zu. »Das muß Kuchen sein, Schokoladenkuchen.« Schaufelchen fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Wenn es doch schon morgen wäre«, sagte er seinem Bruder ins Ohr. »Das wäre schön, dann würde ich ein großes Stück verdrücken«, flüsterte Grabi versonnen zurück. Mama Maulwurf hatte einen köstlichen Obstsalat gemacht. Die Kleinen wollten aber nichts davon essen. Ihnen war der Kuchenduft in die Nase gestiegen. Da war ihnen die Lust auf Obst längst vergangen. Und selbst Papa Wühli verschmähte die Obstspeise. Auch er schwelgte mit seinen Gedanken beim Schokoladenkuchen, den seine feine Nase schon längst gerochen hatte. Mama Scharri räumte den Tisch ab. Eine große Schüssel voll hatte sie serviert und fast die gleiche volle Schüssel räumte sie wieder ab, denn nur sie allein hatte eine Portion gegessen. Manchmal war es mit ihren Lieben einfach zum Mäusemelken. Nachdem Grabi und Schaufelchen ihr beim Abwasch geholfen hatten, gingen sie ins Bett. Papa Wühli las seinen Kindern noch eine Geschichte vor. Und dann wurde es still im Hügel.
Spät in der Nacht erwachten die Kleinen aber. Sie dachten an den Duft, an die herrliche Schokolade und daran, wie es wäre ein klitzekleines Kuchenstückchen zu naschen. »Du Grabi, denkst du das, was ich denke«, fragte Schaufelchen. »Ich weiß nicht was du denkst, ich jedenfalls denke an Schokoladenkuchen.« »Ich doch auch.« »Dann laß uns in die Küche schleichen und ein ganz ganz kleines Stückchen naschen.«, schlug Schaufelchen vor. Und weil Grabi noch immer der Duft in der Nase steckte, folgte er seinem Bruder. Leise schlichen sie aus dem Zimmer. Auf Zehenspitzen gingen sie in die Küche. Die Küchentür quietschte erbärmlich und Grabi hielt sich vor Schreck die Hand vor den Mund. Schaufelchen zitterte, doch es blieb ruhig. Die Eltern hatten sie nicht gehört. Und dann sahen sie in die Backröhre. Dort stand dieser schmackhafte Kuchen mit der süßen Schokolade. Die beiden nahmen jeder ein Stück. Ein Glück, daß ihre Mutter schon Stücke geschnitten hatte. Und nach dem ersten Stück folgte ein zweites und dem ein drittes und ein viertes und irgendwann war der Teller leer. »Jetzt bin ich aber satt«, flüsterte Grabi. »Ich auch«, hauchte Schaufelchen zurück, und rieb seinen Bauch. »Wenn morgen einer fragt, wir waren das nicht«, meinte Grabi. »Wir sagen einfach, das war der Mond«, schlug Schaufelchen vor. Sein Bruder nickte. Dann stellten sie den leeren Teller in die Spüle. Nicht einen Krümel hatten sie übriggelassen Vollgefressen schlüpften sie in ihre Betten. Doch einschlafen konnten sie nicht mehr. Die beiden wurden von Bauchschmerzen geplagt.
Derselbe Hügel, dieselbe Nacht. Nur ein anderer Dieb. Wühli hatte nicht einschlafen können. Er schlich sich aus seinem Bett und tapste lautlos in die Küche. Doch er fand den Kuchen nicht. Nur ein leerer Teller stand in der Spüle. Er drehte sich um und wollte gerade wieder ins Bett huschen, da lief er gegen etwas weiches – seine liebe Frau. »Das hätte ich ja nicht von dir gedacht«, schimpfte sie sogleich, »den ganzen Kuchen hast du gegessen!« »Das war ich nicht«, verteidigte er sich. »Und nach was sieht der leere Teller hier aus?«, fragte sie. »Das ist schon richtig, ich war es aber trotzdem nicht. Der Teller war schon leer.« »Und wer soll ihn geleert haben, etwa der liebe Mond.« »Ich weiß es nicht, liebe Scharri!« »Ich auch nicht. Ich weiß nur, daß ich einen Kuchen für dich gebacken habe. Du glaubst mir doch?«, fragte Mama Maulwurf. »Selbstverständlich, ich habe es doch gerochen. Schon beim Abendbrot hat mich der süße Duft in der Nase gekitzelt. Und deshalb bin ich aufgestanden und wollte mir ein Stückchen stibitzen, aber ich habe keins gefunden.« »Merkwürdig. Vielleicht haben wir ja einen kleinen Hausgeist, der unseren Kuchen nascht?«, meinte Scharri. »Unfug«, sagte Wühli, aber eine bessere Erklärung fand auch er nicht. »Mein lieber Schatz, laß den Kuchen Kuchen sein. Ich graturliere dir jedenfalls ganz herzlich zum Geburtstag.«, sprach sie, umarmte ihn und gab ihn einen dicken Kuß. Wühli holte zwei Gläser und goß Orangensaft ein. Sie prosteten sich zu. »Auf das Geburtstagskind«, strahlte Scharri. Dann wurde es wieder still im Hügel. Die Eltern lagen in ihren Betten und schliefen und die Kinder rieben ihre Bäuche.
Am nächsten Tag zum Frühstück wollten Grabi und Schaufelchen nichts essen. »Ist euch nicht gut«, fragte Wühli besorgt. »Doch uns geht es gut, wir haben nur keinen Hunger.« Die beiden wollten verheimlichen, daß sie vom vielen Kuchen Bauchweh hatten und gingen, nachdem sie ihrem Vater das Geschenk überreicht hatten, schnurstracks in die Schule. Als Scharri die Betten der Kleinen aufschüttelte, sah sie Schokolade. Ihr wurde einiges klar. Die Kuchendiebe waren gestellt. Und weil sie wußte, daß ihr Maulwurfsmann so schrecklich gerne ein Kuchenstück gegessen hätte, buk sie kurzerhand einen neuen Kuchen. Und Geburtstags-Wühli half ihr dabei. Er hatte Urlaub und wenn er schon einmal Zeit hatte, unterstützte er seine liebe Frau gern.
In der Schule gab Puh unterdessen die Arbeiten zurück. Zwitschi war entsetzt, als er die fette rote 6 in seinem Heft sah und bemerkte, daß Puh die Rückseite nicht beachtet hatte. Er hob den Flügel. »Puh, hast du das Blatt umgedreht«, fragte der Vogel. »Nein«, log der Zwerg. »Dann mach das bitte noch. Dort stehen die richtigen Antworten.« »Das kann jeder sagen.« Doch Puh ging zu Zwitschis Platz und sah nach. »Tatsächlich«, tat er überrascht. »Und?«, fragte der Vogel. »Die hast du jetzt hingeschrieben«, meinte der Zwerg ernst. »Nein wirklich nicht«. verteidigte sich Zwitschi und wippte aufgeregt mit der Schwanzfeder auf und ab. Jetzt mußte der Zwerg grinsen. Er sah, daß der Vogel erschrocken war. »Ich weiß doch mein Kleiner, ich weiß. Aber daß mir das nicht wieder vorkommt. Im übrigen habe ich dir schon eine eins ins Klassenbuch eingetragen.« Das war gerade noch mal gutgegangen. »Puh, dürfen wir raus, uns ist schlecht«, die Maulwürfe meldeten sich beide. Sie sahen wirklich etwas blaß aus, befand der Zwerg. Grabi und Schaufelchen verließen das Klassenzimmer. An der frischen Luft fühlten sie sich besser. Doch als sie wieder zurückkamen, wurde ihnen erneut übel. Nachdem sie das dritte Mal ins Freie rannten, schickte sie Puh nach Hause. »Gute Besserung«, wünschte der Zwerg und schloß die Tür hinter den beiden.
Im Maulwurfshügel stand inzwischen ein großer Geburtstags- Schokoladenkuchen. Auf dem Tisch brannten Kerzen und Scharri hatte für vier Maulwürfe gedeckt. Sie und Wühli saßen beieinander und aßen von dem Kuchen. Und da kamen ja auch schon ihre beiden Kuchendiebe. »Was macht ihr denn schon hier«, fragte Wühli. »Uns war heute nicht gut«, sagten die kleinen Maulwürfe. »Wie wäre es mit einen schönen Stück Schokoladenkuchen«, Scharri mußte fast lachen, als sie den Vorschlag machte. Die beiden Kleinen rannten, so schnell sie konnten, aus dem Hügel. Die Eltern gingen ihnen nach. »Habt ihr uns nichts zu sagen«, fragten sie. »Doch, schon, aber wir wollen nicht«, antwortete Grabi. »Wir wissen es ohnehin«, gestand Scharri. »Na gut, wir haben Papas Geburtstagskuchen gegessen«, Schaufelchen blickte geknickt zu Boden. »Und nun geht es euch schlecht«, lachte Scharri. »Ich denke, daß´ihr die Bauchschmerzen ein wenig verdient habt«, meinte Wühli und fügte hinzu, »wir lassen euch was von dem neuen Kuchen über!« Und als er das sagte, sah er, wie seine Kinder hinter einen großen Busch rannten. Die Maulwurfseltern sahen ihnen ein bißchen schadenfroh hinterher. »Gehen wir zurück ins Haus«, sagte Scharri. »Gern«, Wühli war durchaus einverstanden, »und was machen wir mit unseren lieben Kleinen?« »Denen koche ich jetzt einen schönen Tee. Dann werden sie sich gleich besser fühlen«, sagte Scharri. Und genau das tat die gute Maulwurfsmama auch. Papa Wühli brachte die Kanne und zwei Tassen anschließend nach draußen und rief seine Kinder. Die waren dankbar und versprachen in Zukunft nie wieder so viel zu naschen. »Nur noch ein kleines Stück«, dachte Wühli und schmunzelte »so wie der Papa das immer heimlich tut. Nur gut, daß es noch keinem aufgefallen ist.«
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