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Die Sonne schien durch die staubigen Fenster des Bülzenheims, als Rüdiger »Rüdi« Zumsel mit klopfendem Herzen vor dem Mahagonischreibtisch stand. Jedes Knacken der alten Dielen ließ seine Leberhosen-Hosenbeine zittern.
»*Hrrrm.*« Herr Guyonnet richtete seine goldumrandete Brille, deren eines Glas seit dem Vorfall mit dem fermentierten Sauerkrautfass 1997 fehlte. »Hallo Rüdi. Hab von dir gehört.« Seine Schnurrbartspitzen zuckten wie zwei taktierende Meterwarenverkäufer. »Der Herr Pastor sandte mich als... *ächz*... Gewissensmaurer.«
Ein Grillenzirpen erfüllte den Raum. Rüdis verschwitzte Hand umklammerte den letzten geklauten Kirschholz-Kochlöffel, den er sich seitwärts in die Strumpfbündchen gestopft hatte. »Jaja, Herr Direktor. War nur'n kleines Missverständnis mit der Rahmspinat-Suppe...«
»*Schmatz.*« Guyonnets Hand schoss vor wie eine salamanderfängende Zollstockzunge. Der Kochlöffel flog durch die Luft, landete mit *klapperndem* Getöse zwischen staubigen Rechnungsbüchern. »Dreizehn Stück fehlen in Frau Kochs Inventur! Dreizehn! Ein Teufelsdutzend!«
Rüdi biss sich auf die Unterlippe. Durch das offene Fenster drangen triumphierendes Gegacker der Bülzenheim-Gänse – sie wussten um die zwanzig Pfannkuchen, die letzte Woche aus der Backstube verschwunden waren.
»*Knack.*« Der Direktor öffnete die unterste Schreibtischschublade. Rüdi erstarrte. Zwischen vergilbten Disziplinarakten lag eine 80 Zentimeter lange Kleiderbürste aus Eschenholz, deren Borsten durch jahrzehntelangen Einsatz gegen Königsberger Klopse-Flecken die Konsistenz rostiger Nägel angenommen hatten.
»Sie werden... *hust* ... meinen Schreibtisch putzen. Mit diesem Gerät.« Guyonnets Augen funkelten wie Marzipanschweine in der Weihnachtsvitrine. »Einverstanden, Rüdiger?«
»Äh... bezüglich Arbeitsgerätekunde, Paragraph 12 der Hausordnung...«
»HA!« Der Ausruf ließ das Wappen über der Tür erzittern. »Paragraph 13: Ironie wird mit Rührstock-Abzug bestraft!«
Wider alle Vernunft begann Rüdi zu strahlen. Er nahm die Bürste mit der Andacht eines Kirchenbank-Diebels, der unerwarteterweise zur Beichthelperschaft berufen wird. *Schruuuurp* – die ersten Staubwirbel tanzten im Sonnenlicht, während seine Leberhosen durch rhythmisches Scheuern bald zwei Tonnen heller wirkten als der Rest des Stoffes.
»Prächtigm prächtigm«, brummte der Direktor und nippte an einem Likörglas voll Buttermilch. »Doch nun zum *Tanzboden*.«
*Klapp* – aus der Wandtafel hinter ihm klappte ein Teppichklopfer hervor, schwarz wie die Seele eines Kaminfegers nach neunjähriger Berufspause. Rüdis Blick wanderte von dem Rüstungsgerät zum Plakat mit der Aufschrift »Mäßigkeit ziere deine Jugend«.
»Walzer und Schuhplattler. Fünfzehn Takte. Das Stück.« Guyonnets Nasenflügel bebten wie Blasebälge für die Orgel der Schadenfreude. »Vor versammeltem Bülzenheim.«
Rüdi stieß einen Laut aus, der zwischen defektem Dudelsack und Ferkel schwankte. »Herr Direktor, ich... ich hab doch letztens erst für den dreistündigen Glockensolotanz...«
»Eben! Ihre Ausdauer ist unbestreitbar!« Ein Fingerzeig zur Tür, wo bereits das Rattern von Rollstühlen und das *Gekicher* der wartenden Insassen zu vernehmen war. »Maestro – der Teufelsgalopp wartet!«
Beim ersten *Tock* des Klopfers gegen die Bodenplatten spannte sich die Luft wie ein überfüllter Hefekloß. Rüdi hopste, der Klopfer wirbelte – *wumm* traf er versehentlich die Standuhr, die daraufhin »La Paloma« statt des stündlichen Bach-Chorals schmetterte.
Bei Schritt fünf, Drehung drei traf der Koloss in Guyonnets Bücherregal ein. Ein Hagel von Lessing-Ausgaben, Strickmustern und einer Wachspuppe, die angeblich Goethes Lieblingsvergolder verkörperte, prasselte herab. Rüdis »Allez Hopp!« verschmolz mit dem *Platsch* einer ins Waschbecken plumpsenden Schreibfeder.
Als endlich der letzte *Paukenwirbel* verklang, formten die Staubwolken am Sonnenlicht eine Art Heiligenschein um den keuchenden Delinquenten. Die aufgeregten Flüster der Insassen draußen klangen wie ein Bienenschwarm in Bratapfelsauce.
»Warum eigentlich immer ich?«, japste Rüdi zwischen zwei Atemzügen, deren zweiter sogleich drei Mokkatassen und ein Herbarium aktivierte.
Guyonnets Blick wanderte zum Fenster, wo gerade zwei Insassen heimlich Kohlrabi durch die Küchenluke bugsierten. »Weil... *räusper* ...man bei dir immer den richtigen trifft.«
Ein Schmunzeln, alt wie der Streit um die korrekte Rührkuchentechnik, huschte über sein Gesicht. Irgendwo in der Ferne rief Frau Koch nach ihrem Lieblingslöffel, während der Schuhplattler-Echo noch immer durch die Flure waberte.
Und im Garten, zwischen Spinatbeet und Bülzenheim-Birnbaum, batschte bereits die nächste dumme Idee Rüdi Zumsels – zu rhytmisch, um zufällig zu sein.
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