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Leonie – Spiegel
Leonie
ist Psychotherapeutin.
Jeden Tag
hört sie Geschichten,
die niemand
sonst hören will.
Von Angst.
Von Scham.
Von Verlust.
Sie weiß,
wie Traumata
weiterleben.
Wie Kinder
zu Erwachsenen werden,
die noch immer
auf Antworten warten.
Ihre Patienten
vertrauen ihr.
Sie sagen,
sie fühle mit.
Dabei
hat Leonie
vor allem gelernt,
sich selbst
nicht zu fühlen.
Als ihre Eltern
sich trennten,
fragte jeder:
»Wie geht es deiner Mutter?«
Oder:
»Wie kommt dein Vater klar?«
Niemand fragte,
wie es
dem Mädchen ging,
das im Flur stand
und so tat,
als höre es nichts.
Sie wurde
das vernünftige Kind.
Sie tröstete.
Sie vermittelte.
Sie erklärte
dem Vater
die Mutter.
Der Mutter
den Vater.
Nur sich selbst
erklärte niemand.
Heute
stellt Leonie
dieselbe Frage
unzählige Male.
»Und wie geht es Ihnen damit?«
Ihre Patienten
weinen.
Schweigen.
Finden Worte.
Wenn sie
abends
die Praxis verlässt,
nimmt sie
den Aufzug
ins Erdgeschoss.
Manchmal
sieht sie
ihr Spiegelbild
in der Tür.
Sie lächelt.
Ganz automatisch.
So,
wie sie es
als Kind tat,
damit niemand
merkte,
dass sie Angst hatte.
Vor zwei Jahren
verliebte sie sich.
Ein ruhiger Mann.
Er konnte
Stille aushalten.
Eines Abends
fragte er:
»Wann erzählst du mir
eigentlich etwas
über dich?«
Leonie
antwortete,
wie sie immer
antwortete.
Mit einer Gegenfrage.
Drei Monate später
war er fort.
Er schrieb:
„Ich wusste irgendwann alles über deine Patienten.
Aber fast nichts über dich.“
Die Nachricht
hat Leonie
nicht gelöscht.
Nicht,
weil sie hofft,
dass er zurückkommt.
Sondern weil sie
zum ersten Mal
begriff,
dass man
anderen Menschen
ein ganzes Leben lang
den Weg zeigen kann,
ohne den Mut zu finden,
die eigene Tür
zu öffnen.
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