>Info zum Stichwort Angie | >diskutieren | >Permalink 
Angie schrieb am 15.7. 2026 um 19:20:28 Uhr über

Angie

Angie liest Sandra Hambikutani

Angie war zweiundzwanzig, als sie zum ersten Mal einen Text von Sandra Hambikutani las. Nicht in einem Seminar. Nicht in einer Bibliothek. Sondern nachts, zwischen zwei schlecht designten Webseiten, auf der Suche nach Gedichten, die sich nicht dafür entschuldigten, unbequem zu sein.

Ihre Mutter lebte als Ärztin in Klagenfurt. Präzise. Rational. Jede Diagnose hatte eine Wahrscheinlichkeit, jede Entscheidung eine Leitlinie.

Ihr Vater war Jahre zuvor nach Lampedusa gezogen. Ebenfalls Arzt. Dort behandelte er Urlauber mit Sonnenstich und Menschen, die nach der Überfahrt aus Nordafrika erschöpft an Land kamen. In seinen E-Mails schrieb er selten über Medizin. Meist schrieb er über Gesichter. Über Erschöpfung. Über das Meer.

Zwischen diesen beiden Welten war Angie groß geworden. Zwischen Alpen und Mittelmeer. Zwischen Ordnung und Ausnahmezustand.

Sie schrieb Gedichte.

Kurze Texte, in denen kaum jemand sprach, dafür umso mehr der Wind, Bahnhöfe, Neonlicht und die Pausen zwischen zwei Sätzen.

Sandra Hambikutani traf sie wie ein Stromschlag.

Nicht, weil Sandra immer recht gehabt hätte.

Sondern weil sie offenbar nie versucht hatte, recht zu behalten.

Jede Geschichte widersprach der vorherigen. Mal war Sandra Präsidentin des Staates Ebigong. Dann Philosophin. Dann Hollywood-Ikone. Dann eine gescheiterte Revolutionärin. Manchmal alles gleichzeitig.

Angie verstand plötzlich, dass Literatur keine Antworten liefern musste.

Sie durfte sich widersprechen.

Sie durfte lachen, während sie wütend war.

Sie durfte traurig sein, ohne Mitleid einzufordern.

In einem ihrer Notizbücher schrieb Angie:

Sandra ist keine Figur. Sandra ist ein Test. Wer sie eindeutig erklären will, verrät mehr über sich selbst als über sie.”

Als Jahre später überall Gedenkveranstaltungen stattfanden, blieb Angie zu Hause.

Sie schaltete den Livestream nur kurz ein.

Zu viele Reden.

Zu viele Menschen, die Sandra in Sätze pressten, in die sie nie gepasst hatte.

Sie klappte den Laptop wieder zu.

Dann schrieb sie ein Gedicht.

Es bestand aus nur drei Zeilen:

Man hat aus der Wildnis
einen Stadtpark gemacht.
Die Bäume erinnern sich trotzdem.

Zum ersten Mal hatte Angie das Gefühl, Sandra verstanden zu haben.

Nicht als Person.

Sondern als Widerspruch.

Und Widersprüche, dachte sie, sollte man nicht auflösen.

Man sollte ihnen zuhören.


   User-Bewertung: /
Schreibe statt zehn Assoziationen, die nur aus einem Wort bestehen, lieber eine einzige, in der Du in ganzen Sätzen einfach alles erklärst, was Dir zu Angie einfällt.

Dein Name:
Deine Assoziationen zu »Angie«:
Hier nichts eingeben, sonst wird der Text nicht gespeichert:
Hier das stehen lassen, sonst wird der Text nicht gespeichert:
 Konfiguration | Web-Blaster | Statistik | »Angie« | Hilfe | Startseite 
0.0056 (0.0009, 0.0034) sek. –– 1008361089