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Dreizehn Kreuze
Jonas war einmal
ein gut behütetes Kind.
Zwei Kinderzimmer.
Zwei Geburtstagsfeiern.
Zwei Eltern,
die beide sagten:
Wir lieben dich.
Er glaubte ihnen.
Bis er merkte,
dass Liebe
nicht bedeutet,
zu bleiben.
Seitdem
rechnete er.
Nicht mit Zahlen.
Mit Verlusten.
Er lernte früh,
Koffer zu packen.
Später
lernte er,
Flaschen zu leeren.
Heute nennen sie ihn
den Penner
vor dem Bahnhof.
Niemand sieht,
dass er einmal
Klavierunterricht hatte.
Dass seine Mutter
darauf bestand,
dass er einen Schal trägt.
Dass sein Vater
ihm erklärte,
wie man einen Krawattenknoten bindet.
Jetzt bindet Jonas
höchstens
den Schlafsack zusammen.
Sein Zuhause
ist eine Betonplatte
unter der Brücke.
Sein Wecker
ist die Straßenreinigung.
Seine Nachbarn
wechseln häufiger
als die Jahreszeiten.
Nur Elke
bleibt.
Elke schläft
drei Bögen weiter.
Sie sammelt Pfandflaschen,
raucht filterlose Zigaretten
und nennt Jonas
noch immer
beim Namen.
»Du warst doch mal
einer von denen,
die geschniegelt
zur Arbeit gingen.«
Jonas nickt.
Er erzählt ihr nicht,
dass er sich
an den Moment,
als alles kippte,
gar nicht erinnern kann.
Er erinnert sich nur
an das Gefühl,
ständig
etwas verlieren zu können.
Ein TOTO-Schein
liegt zerknüllt
zwischen zwei Bierdosen.
Dreizehn Spiele.
Kein einziger Treffer.
Jonas lacht.
»Passt«, sagt er.
»War früher
mit meinem Leben
auch nicht anders.«
Elke hebt den Schein auf,
streicht ihn glatt
und steckt ihn
in ihre Jackentasche.
»Weißt du«,
sagt sie,
»manche verlieren
nicht,
weil sie falsch tippen.
Manche spielen
ihr ganzes Leben
in der Hoffnung,
dass diesmal
endlich jemand bleibt.«
Jonas schaut
auf die Schienen.
Ein Zug fährt vorbei.
Für einen Augenblick
glaubt er,
er könne noch hören,
wie seine Mutter ruft.
Oder seinen Vater.
Dann ist nur noch
das Rattern da.
Und der Durst.
Bis heute
weiß Jonas nicht,
wann aus einem
gut behüteten Kind
ein Mann wurde,
der auf einer Platte schläft.
Er weiß nur,
dass manche Abstürze
nicht mit einem großen Knall beginnen.
Sondern mit einer Tür,
die sich schließt,
und einem Kind,
das glaubt,
es müsse von nun an
alles allein
aushalten.
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