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Mein Vater hatte auch einen Abhärtungsfimmel. Ich will mal erzählen wie es bei uns mit den kurzen Hosen im Winter war.
In der Volkschulzeit besaßen wir – mein ein Jahr älterer Bruder und ich – keine langen Hosen und trugen wenn es richtig kalt war hässliche lange Baumwollstrümpfe. Als mein Bruder 1959 auf die Oberschule kam rebellierte er dagegen und wollte wie die meisten andern Jungen im Winter lange Hosen haben. Gerade kamen die Jeans auf, und Mutter kaufte uns beiden welche. Aber unser Vater, dessen Erziehungsideale aus der Nazizeit stammten, wurde wütend als er das sah und verbot uns die Ami-Hosen. Die Eltern stritten sich, und zuletzt gab Vater scheinbar nach als es Ende November schon geschneit hatte: „Bei Schnee dürft ihr lange Hosen tragen“ hieß es nun.
Es taute bald wieder, und wir hatten erneut die kurzen Lederhosen an. Dann kam richtiger Frost aber ohne Schnee. Als wir Vater in Jeans unter die Augen kamen tobte er „Nur bei Schnee habe ich es erlaubt1“ und verdrosch uns beide. In unsern Lederhosen, wir hatten die sehr knappen modernen mit zwei Reißverschlüssen und Gürtel, war es bei Frost wirklich sehr ungemütlich. Mutter taten wir leid, aber ihr Betteln half nichts.
Als ich im nächsten Jahr auch auf das Gymnasium kam, war ich beim ersten Frost der einzige Junge in der Klasse mit nackten Beinen. Aber in der Parallelklasse gab es noch zwei. Es gab wieder eine Diskussion wegen der Jeans, und dummerweise sagte ich „in meiner Klasse muss jetzt keiner mehr kurze Hosen anziehen“. Vater darauf. „Und was ist mit den andern Klassen, du Weichei?“
Auf meine wahrheitsgemäße Antwort hin ging er anderntags zum Direktor und sorgte dafür, dass ich in die Parallelklasse versetzt wurde. Der neue Klassenlehrer lachte als er mich sah und nannte mich und die beiden Kameraden fortan „seine drei Eisheiligen“ – ich war „der kalte Sophie!“. Die beiden andern Jungen weihten mich ein, dass unsere Abhärtung auch einen Vorteil hatte: Wenn wir den ganzen Winter in kurzen Hosen durchhielten, kriegten wir Ostern eine 1 in Sport. Und damit konnte man sogar eine andere schlechte Note ausgleichen.
Also verzichtete ich fortan ganz auf die Jeans. Mein Bruder war solidarisch mit mir, obwohl es bei ihm bei der 3 in Sport blieb. Vater war stolz auf seine Söhne, und Mutter versorgte uns mit warmer Unterwäsche und wollenen Kniestrümpfen. Diesem Winter folgten drei weitere mit nackten Beinen, bis wir nach der gemeinsamen Konfirmation (mein Bruder musste ein Jahr warten) endlich die langen Hosen vom Konfirmationsanzug tragen durften – bei Frost mit und ohne Schnee!
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