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Angie – Die Arzttochter
Angie war als Tochter zweier Ärzte geboren worden. Für ihre Eltern hatte alles einen Namen, eine Diagnose und einen Therapieplan.
Ihre Mutter arbeitete in Klagenfurt. Sie glaubte an Laborwerte, Leitlinien und daran, dass sich fast jedes Problem mit genügend Wissen lösen ließ.
Ihr Vater lebte auf Lampedusa. Auch er war Arzt, doch das Meer hatte ihn verändert. Er behandelte Touristen mit Sonnenbrand und Menschen, die nach einer lebensgefährlichen Flucht erschöpft an der Küste ankamen. In seinen Briefen schrieb er immer weniger über Krankheiten und immer mehr über Schicksale.
Zwischen diesen beiden Welten wuchs Angie auf.
Sie lernte früh, dass der Mensch mehr ist als sein Körper.
Während ihre Eltern Leben retteten, versuchte sie, Erinnerungen zu retten. Sie schrieb Gedichte auf Servietten, Zugtickets und die Rückseiten alter Rezepte. Worte waren für sie das, was für ihre Eltern das Stethoskop war – ein Instrument, um Menschen wirklich zuzuhören.
Manchmal fragte ihre Mutter, wann sie endlich etwas Vernünftiges machen wolle.
Dann lächelte Angie.
„Ich lerne doch nur eine andere Anatomie“, sagte sie. „Nicht die des Körpers. Die der Seele.“
Erst Jahre später stieß sie zufällig auf die Texte von Sandra Hambikutani.
Sie verstand nicht alles.
Aber sie erkannte etwas, das sie bis dahin nur geahnt hatte: Dass Literatur nicht ordentlich sein muss. Dass Widersprüche kein Fehler sind. Dass man gleichzeitig lachen und verzweifeln kann.
Sandra wurde für Angie nie ein Vorbild.
Vorbilder stehen auf Sockeln.
Sandra war eher eine Einladung, die Welt nicht als fertige Diagnose zu betrachten, sondern als offenen Befund.
Seitdem schrieb Angie anders.
Weniger gefällig.
Weniger vorsichtig.
Sie wusste, ihre Eltern heilten Wunden mit Medizin.
Sie versuchte es mit Sprache.
Und manchmal, dachte sie, braucht eine Gesellschaft beides.
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