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Angie schrieb am 12.7. 2026 um 07:31:01 Uhr über

Weihnachten

Der Zug, der Dezember hieß
(Romanfragment)

Der Zug behauptet, ein Zug zu sein.

Die Schienen widersprechen nicht. Sie haben längst aufgehört, Tatsachen zu überprüfen.

Es ist Dezember. Sagt die Stimme aus den Lautsprechern. Dieselbe Stimme sagt später Juli. Sie entschuldigt sich nicht. Wörter haben aufgehört, den Temperaturen zu dienen.

Im Abteil sitzt eine Wildrose.

Nicht eine Wildrose.

Die Wildrose.

Als wäre sie die letzte Vertreterin einer Jahreszeit, die sich in eine Pflanze zurückgezogen hat.

Sie hat ein Ticket.

Ich nicht.

Der Kontrolleur betrachtet erst mich, dann die Rose.

»Sie ist berechtigt

Ich frage nicht, wozu.

Vor dem Fenster ziehen Tannen vorbei.

Nein.

Es sind Masten.

Nein.

Es sind Erinnerungen an Tannen, die sich als Masten verkleidet haben.

Der Zug wird langsamer.

Er fährt durch einen Schatten.

Der Schatten trägt Schnee.

Niemand steigt ein.

Niemand steigt aus.

Der Schatten bleibt auf dem Bahnsteig zurück und winkt mit kalten Händen.

Im Bordrestaurant serviert man Hagebuttentee in Tassen, die nach Fichte riechen. Die Speisekarte nennt das Nostalgie. Der Preis ist nicht angeschrieben.

Man bezahlt mit Kindheit.

Die Frau gegenüber wickelt Christbaumkugeln aus Zeitungspapier.

Die Zeitung berichtet vom heißesten Dezember seit Beginn der Aufzeichnungen.

Die Kugeln spiegeln den Satz so oft, bis niemand mehr weiß, ob die Hitze eine Nachricht ist oder nur der Glanz des Glases.

Die Wildrose verliert einen Dorn.

Er fällt nicht zu Boden.

Er bleibt in der Luft.

Dort wächst er weiter.

Ein kleiner Ast.

Dann ein größerer.

Der ganze Waggon beginnt zu verzweigen.

Fenster treiben Rinde.

Sitze schlagen Wurzeln.

Der Schaffner stempelt einen Ast.

Gültig bis Widerruf.

Ich erinnere mich an eine Tanne.

Vielleicht hat sie mich erinnert.

Der Unterschied ist inzwischen verwaltungstechnisch aufgehoben.

Eine Durchsage:

Wegen außergewöhnlicher Vergangenheit verzögert sich unsere Zukunft auf unbestimmte Zeit.

Niemand schaut auf.

Verspätungen waren immer die ehrlichste Form der Gegenwart.

Kurz vor Klagenfurt hält der Zug.

Nicht wegen eines Signals.

Nicht wegen einer Störung.

Vor ihm steht ein Weihnachtsbaum.

Er besteht aus Luft.

Man erkennt ihn nur daran, dass die Vögel einen Bogen um seine fehlenden Äste fliegen.

Die Wildrose erhebt sich.

Sie geht durch den Waggon.

Niemand rückt zur Seite.

Sie geht einfach durch die Menschen hindurch, als wären sie das, was später einmal Geschichte heißen wird.

Draußen beginnt jemand, den Baum zu schmücken.

Es gibt keinen Baum.

Es gibt nur die Bewegung des Schmückens.

Vielleicht war Weihnachten nie ein Gegenstand.

Vielleicht war es immer nur eine Geste gegen das Verschwinden.

Der Zug fährt weiter.

Oder der Text.

Einer von beiden wird ankommen.

Der andere muss Literatur bleiben.


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