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Es gibt ein Beispiel für funktionierende Anarchie in diesem unserem Lande: die Sex-»Szene«. Damit sind diejenigen Leute und ihre Treffpunkte gemeint, die an diesen Treffpunkten spontan Sex miteinander haben - »casual sex« sagt man auf denglisch. Sie findet hauptsächlich auf Parkplätzen (vor allem: Autobahnparkplätzen), an Badeseen und - schon seltener - in Parkanlagen statt. Swingerclubs, Gay-Saunen, Pornokinos - das ist schon wieder eine andere Geschichte. Da gibt es Regeln: es kann nicht jeder Reinkommen, es gibt Einlasskontrollen, Eintrittspreise, eine Hausordnung mit allerlei Verboten. In der offenen Szene indessen ist nichts verboten, kann nichts verboten werden - weil es sie offiziell eigentlich garnicht gibt, nicht geben darf, weil sie eine »Erregung öffentlichen Ärgernisses« ist: Sex in der Öffentlichkeit ist verboten, ein Straftatbestand. Trotzdem gibt es sie. Die Behörden sind nicht machtlos - sie wissen genau Bescheid. Aber sie wissen eben auch, daß das äusserste, was sie erreichen können: einen Treff »plattzumachen«, nur zur Verlagerung der Szene führt. Sie taucht woanders wieder auf. Wenn sich also eine Szene einmal irgendwo »etabliert« hat, und sie niemanden weiter stört, dann kann sie sich über Jahrzehnte halten, mitunter enorm große Ausmaße annehmen, was die Fläche und Zahl der Teilnehmer anbelangt. Bei großen Treffs können es mehrere tausende sein jeden (Sommer-)Tag. Jeder kann kommen, es gibt keinerlei Kontrolle. Jeder kann tun, was er will - eine Zone äusserst stark reduzierter Legalität. Denn wer einen anderen Szene-Teilnehmer anzinken will, muß zugeben, etwas verbotenes getan zu haben. Diebstahl ist recht häufig, alle möglichen Drogen werden konsumiert, und natürlich Sex in allen möglichen Arten und Abarten. Trotzdem funktioniert sie. Es gibt Regeln, die nirgendwo geschrieben stehen, die aber von allen eingehalten werden. Wer die Regeln nicht einhält, wird boykottiert. Niemand will mit ihm zu tun haben, erst recht keinen Sex mit ihm haben. Schlimmstenfalls wird er verprügelt, die Autoreifen werden aufgestochen und ähnliches mehr. Die Szene kann knallhart sein. So ist auch Anarchie: wer nicht kooperativ ist, sich destruktiv verhält, wird ausgegrenzt, verhungert, wird totgeschlagen. »Das Verbrechen« hat keine Chance. Umgekehrt bewegt sich derjenige auf sicherem Boden, der diese Regeln verstanden hat, und sich nach ihnen richtet. Wer kooperativ und konstruktiv ist, gewinnt schnell jede Menge Freunde, kann sich frei bewegen, und kommt, wie man so schön sagt, immer auf seine Kosten. Es war für mich selbst eine völlige Überraschung: aber Anarchie funktioniert.
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