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Liquidationsdefensive schrieb am 4.8. 2002 um 02:00:12 Uhr über

Mutter

Meine Mutter wurde in Breslau geboren und ist dort aufgewachsen. Nach der deutschen Niederlage an der Ostfront, an der ihr Vater gefallen ist, und dem Vormarsch der Sowjetarmee musste sie als Kind mit ihrer Mutter und ihren drei Schwestern Breslau verlassen und gelangte auf zufälligen Wegen nach Mecklenburg, wo sie sich nach Aufenthalten in verschiedenen Flüchtlingslagern in einem kleinen Dorf niederliessen. Die wirtschaftliche Not der Nachkriegszeit ermöglichte keine regelmäßige und ordentliche Schulbildung und zwang sie und ihre Familie, die unter Geldnot litt, vom Verkauf von Kartoffeln eines kleine Ackers und vom Betteln bei wohlhabenderen Nachbarfamilien zu leben. Als sie erwachsen wurde, verliess sie Mecklenburg kurz vor dem Mauerbau und gelangte über verschiedene Stationen nach Westdeutschland, wo sie ihren Lebensunterhalt als Kinderpflegerin verdiente. Später lernte sie meinen Vater kennen, sie heirateten und ich wurde geboren. Mit der Familiengründung kamen die neuen Pflichten einer Mutter und Hausfrau hinzu, während sie ihrem Beruf weiter nachging. Die neue Familie manifestierte zugleich eine relative Trennung von ihrer Mutter und ihren Schwestern, die nach wie vor in Mecklenburg und anderen Ländern der früheren DDR lebten. Die Kosten und die Komplikationen des Reisens führten dazu, dass sie sich nur noch selten sahen.
Meine Mutter hat heute die Mitte ihres Lebens deutlich überschritten, ihr Lebensabend hat begonnen. Ich lebe nicht mehr zu Hause und sie hat durch die Entlastung von ihren Pflichten als Mutter wieder mehr Zeit für sich selbst und ihre eigene Geschichte, die mit Macht in ihre Erinnerung zurückgekehrt ist und die durch ihre Erzählungen ein Teil meiner eigenen Geschichte geworden ist. Seit Jahren hat sie ein starkes Bedürfnis, das heute polnische Breslau wieder zu besuchen - die Oderauen, die Frankfurter Strasse und die Bärenstrasse, in der sie aufgewachsen ist, und die heute nicht mehr so heisst. Gleichzeitig hat sie ein grosses Interesse an Kultur gewonnen, das sie durch Lesen und Kurzreisen mit Freundinnen stillt - Mainz, Worms, Speyer und die Vergangenheit dieser Städte usw. und ähnliches findet sie heute sehr spannend. Sie bedauert, diesem Interesse erst in fortgeschrittenem Alter nachgehen zu können.
Meine Mutter ist weitgehend unpolitisch. Ihre naive politische Haltung ist stark durch Darstellung in den Medien geprägt. Eigentümlich ist ihr nur ein Hass gegen die Sowjets, die ihre Familie aus Breslau vertrieben hat, und gegen die Nazis, die die Ursache für diese Vertreibung waren.
Seitdem ich durch Distanz von den Lästigkeiten der Bemutterung befreit bin, hat meine Mutter ein viel grösseres Gewicht für mich gewonnen - als Teil einer deutschen Geschichte, die die Menschen ihrer Zeit und ihr Leben gepägt hat, als Teil meiner eigenen Vergangenheit und als selbstverständliche Aufforderung des Herzens, das bestmögliche für sie zu tun. Man könnte schon sagen, dass ich meine Mutter heute liebe.


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