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Die Leiche schrieb am 16.1. 2010 um 11:23:15 Uhr über

Versager

Ursprünglich wollte der Versager ja BWL studieren, doch der furchtbare Leistungsdruck dort ließ ihn zur Soziologie wechseln, die ihn jedoch nach wenigen Semestern so langweilte, daß er Germanistik und Anglistik (Lehramt) begann, um nach drei weiteren Semestern Sozialpädagogik zu studieren, das er jedoch bald zugunsten eines Jurastudiums aufgab. Dort fiel es nämlich nicht auf, daß er nie irgendwo hinging, und auch keine »Scheine« vorweisen konnte. Eine plumpe Fälschung des »Großen Strafrechtsscheins«, die er seiner schon sechzigjährigen und verwitwten Mutter vorlegte, um Fortschritte zu dokumentieren und die monatlichen Zahlungen zu erhalten, fiel natürlich prompt auf. Seine Mutter handelte. Ihr Bruder besorgte dem Versager eine Verwaltungslehrstelle beim Landratsamt. Der Onkel des Versagers saß im Kreisvorstand und beim Landrat hatte er was gut. Erst wollte der Versager nicht, dann drohten Onkel und Mutter mit der Einstellung jeglicher Zahlungen und sogar damit, die Fälschung zu verpfeifen. Das hätte das consilium relegationis bedeutet, und das Ende der studentischen Krankenversicherung und der Sozialversicherungsfreiheit seiner Jobs. Also beugte sich der Versager seinem Schicksal. Doch auch im Landratsamt blieb er nicht lange. Die fristlose Kündigung kam schon vor Ende des 1. Lehrjahres, als ausgerechnet der Ordnungsamtsleiter ihn beim Kiffen auf der Behindertentoilette erwischte. Mutter und Onkel waren entgültig nicht mehr zu sprechen. Selbst die Schlösser am Häuschen der Mutter waren ausgewechselt. Also mußte er zum Sozialamt. Das fiel ihm nicht leicht, aber er bemühte sich, den Gang erhobenen Hauptes zu gehen. Das war im Jahre 1984 und der Versager war gerade 32 geworden. Er bekam die Wohnung jetzt vom Amt bezahlt und knapp 300 Mark bar. Der Dönermann um die Ecke stellte ihn für die Erlaubten 120 Mark im Monat als Aushilfe ein, und »schwarz« bekam er mehr als das Doppelte nochmal. Also ging es ihm garnicht so schlecht, wie er fand. Zwei Jahre später kam die erste Vorstrafe wegen illegalen Handeltreibens mit Betäubungsmitteln, und dann ging es immer so weiter. Alle paar Jahre war irgendwas: Betrug der Sozialversicherung, Diebstahl geringwertiger Sachen, Beamtenbeleidigung, Fahren ohne Fahrerlaubnis, vorsätzliche Körperverletzung, Besitz von Betäubungsmitteln ... es wunderte den Versager selbst, warum man ihn nicht schon längst eingebuchtet hatte. Der Dönermann um die Ecke wechselte inzwischen 5 mal den Besitzer, aber der Versager blieb dem Dönermann trotzdem treu. 1993 starb seine Mutter, und seine Schwester, die im übrigen jeden Kontakt mit ihm aufgrund ihrer Stellung als Filialdirektorin bei der Dresdner Bank ablehnte, teilte ihm mit, daß sein Pflichtteilsanspruch vom dem Typ, dem er damals auf die Fresse gehauen hatte, gepfändet worden war. Das frustrierte den Versager, der vom eigenen Döner geträumt hatte, immens. Von Mittags bis nachts hing er beim Dönermann rum, säbelte Dönerfleisch in Fladenbrote, wischte den Fußboden, und trank einen Kasten Bier leer. Auch mal einen Raki zwischendurch. So ging es dann jahrein, jahraus. Vorige Woche ist der Versager gestorben - Herzversagen, nachmittags im Döner, beim Ausladen von tiefgekühltem Dönerfleisch. Die Beerdigung erfolgte an einem Donnerstag 11.00 - im anonymen Gräberfeld. Über die Beerdigungskosten wurde ein mehrjähriger Rechtsstreit zwischen dem Sozialamt und der Schwester des Versagers geführt. Er endete in einem Vergleich.


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Tolle englische Texte gibts im englischen Blaster

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