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"Vier Kinder saßen in der kleinen Küche am Tisch. Mit am Tisch hockte eine unheimliche Gestalt, eingehüllt in einen schwarzen Umhang. Ihr Gesicht hielt sie unter der Kapuze verborgen. Die Gestalt war der Tod.
Oben lag Großmutter krank im Bett. Der Tod war gekommen, um sie zu holen.
Warum, lieber Tod, muss unsere Großmutter sterben? Sie ist doch das Liebste, das wir haben...
Es gibt Menschen, die behaupten, das Herz des Todes sei tot und schwarz wie Kohle. Aber das stimmt nicht. Das Herz unter seinem Umhang schlägt rot wie der schönste Sonnenaufgang und in tiefer Liebe zum Leben. Der Tot starrte eine Weile vor sich hin, auch ihn machte das Ganze sehr traurig. Dann erzählte er den Kindern diese Geschichte:
Vor langer Zeit einmal da wohnten zwei Brüder in einem Haus. Der eine hieß Leid, der andere Weinen. Die beiden waren wirklich ganz traurige Burschen. Sie wohnten in einem Tal, in das niemals auch nur ein Sonnenstrahl fiel. Es war rinsgum von Hügeln umgeben. Oben auf der Spitze eines Hügels wohnten zwei Schwestern. Die eine hieß Lachen, die andere Freude. Eines Tages trafen die beiden Brüder sie, verliebten sich sofort und feierten eine große Hochzeit. Dann zog jedes Brautpaar in sein Haus, auf halber Höhe der Hügel. Alle vier wurden sehr alt. Als Weinen starb, starb Lachen am selben Tag, und genauso erging es Freude und Leid. Sie waren so glücklich zusammen, dass keiner ohne den anderen leben konnte....
Genauso ist es mit dem Leben und dem Tod. Was wäre das Leben wert, wenn es den Tod nicht gäbe? Wer könnte die Sonne genießen, wenn es niemals Regen gäbe? Und wie kann man sich auf den Tag freuen - ohne die Nacht?
Der Tod stand auf und ging nach oben.
Kurz darauf hörten die Kinder, wie oben ein Fenster geöffnet wurde, und dann ertönte die Stimme des Todes aus Großmutters Zimmer: Flieg, liebe Seele, flieg...
Als die Kinder das Zimmer betraten, war Großmutter gestorben. Das Fenster stand offen. Der Tod stand am Fußende des Bettes, sah die Kinder an und sagte: Weine nur, Herz, aber zerbrich nicht am Schmerz! Dann war er verschwunden.
Die Trauer der Kinder war groß! Aber jedesmal, wenn sie ein Fenster öffneten, dachten sie an Großmutter, ließen ihre Gesichter vom Wind streicheln und spürten, Großmutter war bei ihnen."
(aus Glenn Ringtved, Charlotte Pardi, Warum,lieber Tod...?)
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