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„Und diese … Klatschgeschichte, lieber Benters – denken Sie! – hat mich auf die Spur des Täters gebracht. Nach der Erzählung der Müllern mußten die Russen sich trotz der Menge großer Reisekoffer und der auffallend eleganten Toiletten der Gnädigen in steter Geldverlegenheit befinden, da der wöchentlich zu entrichtende Pensionspreis immer sehr unregelmäßig von den Leuten bezahlt und auch bei den Kaufleuten alles auf Borg genommen wurde, was zur Folge hatte, daß die Pensionsinhaberin den Leuten des öfteren mit Kündigung drohte und auch die Lieferanten mit Rechnungen das Haus stürmten, wobei es dann häufig zu recht lebhaften Szenen kam, die dem Dienstpersonal natürlich reichlich Stoff zu allerlei Erörterungen gaben. – Diese an sich ganz unbedeutenden Tatsachen ließen schon damals einen vorläufig allerdings noch recht unbestimmten Verdacht in mir entstehen. Und diesen Verdacht wurde ich nicht mehr los, trotzdem ich bisher ja auch nicht die geringste Spur eines Beweises gegen die beiden Fremden hatte, eben nur wußte, daß sie die Zimmer und die Veranda über Frau Trauts Räumen bewohnten und in fortwährender Geldklemme waren. – Doch mit aller Vorsicht setzte ich meine Nachforschungen fort. So bin ich mehrmals bei Frau Werner gewesen, nachdem ich sie ins Vertrauen gezogen hatte, und habe sie um nähere Mitteilungen über die Russen gebeten, die als Boris Sarakow und Frau, Kaufmann aus Petersburg, in der Kurliste eingetragen waren. Aber auf diese Weise erreichte ich nichts, trotzdem sich von Tag zu Tag das Gefühl in mir verstärkte, daß das Ehepaar mit dem Diebstahl irgend etwas zu tun haben müsse. Dann kam jener Tag, an dem ich mich mit Lisa verlobt hatte. Wir waren damals abends bei meiner Schwägerin – Sie besinnen sich wohl noch …? – Nun, und während Sie und Käti nach Tisch im Eßzimmer zurückblieben, standen Lisa und ich an dem offenen Verandazimmer und sprachen von unserm jungen Glück, von unserer Zukunft. Ich habe da wahrlich nicht im geringsten an den Diebstahl gedacht, war viel zu sehr erfüllt von Seligkeit, um mich mit so nüchternen Dingen zu beschäftigen. … Zufällig blicke ich plötzlich nach oben – nur um festzustellen, ob der Himmel sich nicht etwa noch mehr bewölkt habe, da wir ja noch nach den Kurgarten gehen wollten. Und da verschwand über uns ein blasses Männergesicht, dessen stechende Augen ich schon lange kannte: Der Russe, Herr Boris Sarakow, der uns anscheinend belauscht hatte. In demselben Augenblick durchzuckte mich ein seltsamer Gedanke, eine Ideenverbindung, die mir sofort die näheren Tatumstände des Diebstahls wieder ins Gedächtnis zurückrief. Ich glaubte die Erklärung für das geheimnisvolle Verschwinden des Körbchens mit seinem kostbaren Inhalt gefunden zu haben, glaubte jetzt zu wissen, auf welche Weise der Dieb, ohne daß er die Veranda zu betreten brauchte, sich das Körbchen aneignen konnte. – Na, Assessor, ist Ihnen jetzt ein Licht aufgegangen?“
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