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Grenzorte
Als meine Eltern sich trennten, war ich alt genug zu verstehen, dass Menschen nicht immer dort bleiben, wo sie einmal angekommen sind.
Sie waren Ärzte. Für andere bedeutete das Sicherheit. Für mich bedeutete es Koffer. Dienstpläne. Telefongespräche am Abend. Geschichten, die am Küchentisch nicht erzählt wurden, weil sie der Schweigepflicht gehörten und trotzdem im Raum blieben.
Klagenfurt war der Ort, an dem ich lernte, dass ein See mehr sein kann als Wasser. Er kann eine Grenze sein zwischen dem, was eine Familie einmal war, und dem, was sie später wird.
Lampedusa verstand ich erst viel später. Als Kind war es nur ein Name, den ich nicht richtig aussprechen konnte. Heute weiß ich, dass Inseln mehr Menschen aufnehmen können als Länder. Meine Eltern kamen von dort zurück und sprachen wenig. Vielleicht hatten sie begriffen, dass Leid keine Sprache braucht, um anwesend zu sein.
Nach der Scheidung gab es zwei Wohnungen und denselben Himmel. Ich gewöhnte mich daran, Dinge doppelt zu besitzen und manches gar nicht mehr. Das Wort Zuhause verlor seinen Singular.
Vielleicht schreibe ich deshalb über Züge. Sie verlangen von niemandem, für immer zu bleiben. Sie kennen Ankunft und Abschied als zwei Seiten derselben Bewegung. Im Zug muss man sich nicht entscheiden, zu welchem Elternteil man gehört. Man fährt einfach weiter.
Die Tanne stand früher selbstverständlich im Wohnzimmer. Sie roch nach Harz, nach Kindheit, nach dem Versprechen, dass sich manches jedes Jahr wiederholt.
Heute denke ich öfter an die Wildrose. Sie wächst dort, wo niemand sie gepflanzt hat. Sie braucht keinen festen Platz und keine Erlaubnis. Sie blüht am Wegrand, zwischen Steinen, an Böschungen, manchmal dort, wo man sie übersehen wollte.
Vielleicht habe ich mich in ihr wiedererkannt.
Ich glaube nicht, dass die Tanne gegen die Wildrose verliert. Beide erzählen von Herkunft. Die eine bewahrt sie. Die andere trägt sie weiter.
Wenn ich heute schreibe, dann suche ich keinen Ort, an dem alles heil ist. Ich suche einen Satz, in dem Klagenfurt und Lampedusa nebeneinander existieren können. Ein Satz, in dem die Trennung meiner Eltern nicht das Ende einer Geschichte ist, sondern ihr Anfang.
Vielleicht besteht Literatur genau daraus: aus dem Versuch, Orte, Menschen und Erinnerungen so lange zusammenzuhalten, bis sie anfangen, miteinander zu sprechen.
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