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Kunst, in ihrem umfassendsten Sinn, der also Malerie, Dichtung, Musik, Bildhauerei und Filme einschließt, vermag sowwohl die Realität darzustellen als auch in das Reich der schönen Schönheit vorzudringen. Dabei ist sie wohl immer dann am eindrucksvollsten, wenn sie dies miteinander verbindet, sich also nicht damit begnügt, Realität einfach nur abzubilden, was zwar eindrucksvoll sein kann, wenn es überzeugend gelingt, aber eben keine Durchdringung des Themas ermöglicht, sondern diese Realität mit den ästhetischen Mitteln der jeweiligen Kunstform zu überhöhen versteht, so daß Distanz geschaffen wird. Diese Distanz trägt viel zur möglichen Schönheit eines Kunstwerks bei, ist vielleicht sogar Voraussetzung für diese, denn Schönheit liegt oft im Auge des Betrachters. Die Realität unmittelbar zu erfahren, ist zumeist eher gräßlich als schön, wie man an Nachrichtensendungen sehen kann, ist selbst die Distanz, die man vor dem Fernseher als Zuschauer einnimmt, bei weitem noch nicht groß genug, um den zumeist schrecklichen Meldungen das Abstoßende, Widerliche zu nehmen. Der reale Schrecken, der ins Wohnzimmer getragen wird, wirkt unmittelbar, und diese unmittelbare Wirkung kann zur Erschütterung führen. Sie kann, wird es aber oft nicht tun. Denn um sich mit dem Unerträglichen nicht auseinandersetzen zu müssen, schaltet der Zuschauer dann oft innerlich ab und versucht, das im Fernsehen mitgeteilte nicht zu nah an sich herankommen zu lassen, er geht selbst auf Distanz, da das Medium ihm diese Distanz nicht geben kann.
Ist die Distanz des Betrachters dagegen groß genug, kann auch das Schreckliche schön erscheinen: so erscheint uns ein Blick in die lebenspralle Natur mit all ihren Farben und Formen oft schön, obwohl es tatsächlich ein harter Kampf ums Überleben ist, den wir dabei betrachten.
Die Kunst vermag nun in solchem Maße Distanz zu schaffen, sei es allein durch den fiktionalen Charakter einer Geschichte, sei es - was mir wichtiger ist - durch die ästhetischen Mittel selbst, daß selbst das Schreckliche noch als schön erscheint.
Das ist einerseits eine große Chance der Kunst, andererseits liegt hier auch eine Gefahr. Die Gefahr besteht darin, daß die Stilisierung oder Ästhetisierung soweit geht, daß die Schönheit zur Verharmlosung führt und der Schrecken gar nicht mehr spürbar ist. Das geschieht dann, wenn das Kunstwerk nicht mehr unmittelbar wirkt.
Wenn es aber gelingt, trotz Ästhetisierung diese Unmittelbarkeit zu erhalten, dann kann die Kunst die Schönheit des Schrecklichen sichtbar machen und so zur coicidentia oppositorum werden, die uns zu tieferen Einsichten führt.
Ein perfektes Beispiel dafür ist etwa die große Todesszene im zweiten Finale von Mozarts »Don Giovanni«: einerseits stellt die opernhafte Künstlichkeit die Distanz her, die ein grausiges Geschehen als schön erscheinen lasen kann, andererseits wirkt die Musik so unmittelbar und direkt auf den Hörer ein, daß diese geradezu apokalyptische Höllenfahrt des Wüstlings zu einer grandiosen Todesvision wird, so daß man das Gefühl hat, den Tod selbst singen zu hören. Diese Szene darf daher ohne weiteres zu den Gipfelpunkten aller Kunst überhaupt gezählt werden.
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