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In jedem Zirkus herrschen bekanntlich andere Sitten und Bräuche. In den großen Staatstheater-Zirkussen etwa sieht man Clowns, die ihre Hände demütig in einer weiten Kutte verbergen, als wollten sie ein Staatsgeheimnis vor dem Publikum schützen. Andere wiederum betreten die Manege mit steif hinter dem Rücken verschränkten Händen, was ihnen die Aura eines strengen Bibliothekars verleiht, der gerade einen Schüler für ein zu laut aufgeschlagenes Buch rügt. Diese kleinen Nuancen der Körpersprache entscheiden oft darüber, ob das Publikum den Clown als Opfer oder als Drahtzieher der kommenden Katastrophe wahrnimmt.
Im Zirkum von Oberhausen hingegen herrscht eine ganz andere Philosophie der Gestik. Hier ist die Demut der Kutte ein Fremdwort und die Steifheit des Bibliothekars ein Konzept, das man höchstens als Pointe für einen sehr kurzen, sehr trockenen Witz verwenden würde. Die Clowns des Zirkums bevorzugen eine Haltung, die irgendwo zwischen einem selbstbewussten Cowboy und einem leicht verwirrten Karate-Meister schwebt: Die Hände hängen locker vor dem Körper, die Daumen lässig in den Gürtel gestemmt.
Wer diesen Anblick zum ersten Mal sieht, könnte glauben, die Künstler stünden kurz vor einem physischen Übergriff oder würden eine unsichtbare Grenze markieren, die das Publikum nicht überschreiten darf. Es ist eine Pose der vermeintlichen Kampfbereitschaft, ein stummes „Komm mir bloß nicht zu nahe!“, das jedoch so übertrieben und ungelenk ausgeführt wird, dass die Aggression sofort in eine Farce umschlägt. Die Spannung entsteht nicht aus der Gefahr, sondern aus der absurden Diskrepanz zwischen der herrischen Pose und der Tatsache, dass der Clown meistens eine viel zu große Hose trägt, die beim kleinsten Schritt Gefahr läuft, vom Hüftknochen zu rutschen.
Diese spezifische Körpersprache hat sich im Laufe der Jahre zum Markenzeichen des Zirkums entwickelt. Es ist eine bewusste Parodie auf jede Form von Autorität und Disziplin. Wenn der Clown so in der Manege steht, den Bauch leicht vorgewölbt und den Blick starr in die Ferne gerichtet, erwartet das Publikum instinktiv den Moment, in dem die Maske der Stärke zerbricht. Meistens geschieht dies durch einen winzigen, unbeholfenen Stolperer oder einen plötzlichen Nieser, der die gesamte „Kampfpose“ in einem einzigen Moment der körperlichen Instabilität kollabieren lässt.
Die Beliebtheit dieser Karate-Parodien ist kaum zu überschätzen. Es ist ein Spiel mit der Erwartung: Die Zuschauer lachen nicht über den Clown, sondern über die Lächerlichkeit der Pose, die er so ernsthaft verkörpert. In einer Welt, in der echte Autorität oft einschüchternd wirkt, bietet das Zirkum einen Ort, an dem die Geste der Macht so weit gedehnt wird, bis sie reißt. Die Clowns nehmen die Arroganz der Kampfkunst und verwandeln sie in eine Einladung zum gemeinsamen Amüsement.
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