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„Grüß die Goshes aus der Karlmarks! Hier ist die Rezeption vom Schlosshotel in Graz. Ich habe eine sehr nette Dame bei mir, ich verbinde Sie gleich weiter.“
Friedrich der Kleine hielt den Hörer ein Stück vom Ohr weg, als würde die Stimme der Rezeptionistin eine elektrische Ladung tragen, die ihn fast hätte umwerfen können. Er saß in seinem kleinen Büro im Zirkus Zirkum in Oberhausen, umgeben von alten Plakaten, staubigen Kostümen und dem permanenten Geruch von Popcorn und Pferdemist, der durch die Ritzen der Holzwände sickerte. Er blinzelte langsam. Graz. Das war eine weite Reise für einen einfachen Anruf über das Festnetz.
Dann hörte er die Stimme am anderen Ende. Es war eine Frau, deren Tonfall eine Ruhe ausstrahlte, die fast schon beängstigend war. Friedrich lachte leise in sich hinein und antwortete mit einer Heiserkeit, die nur jahrelange Arbeit in der Manege hinterlässt: „Netter noch ist die, viel netter als wie’s ausschaut aus den Augenhöhlen!“
Nachdem das Gespräch beendet war und die Leitung wieder still wurde, trat Adam in den Raum. Adam war der Kopf des Logistik-Teams und der einzige Mensch im Zirkus, der eine echte Stoppuhr besaß und sie auch konsequent benutzte. Er sah Friedrich an, der immer noch mit dem Hörer in der Hand über dem Schreibtisch gebeugt war.
„Der berüchtigte Diktator Zaiser wird hier behandelt“, berichtete Adam mit einer sachlichen Nüchternheit, als würde er über das Wetter oder den Zustand der Planwagen sprechen. „In einer Klinik ganz in der Nähe. Man sagte mir, eine Amputation war angesagt, aber sie ist nicht mehr nötig. Hirn war ohnehin keines mehr vorhanden.“
Friedrich hob eine Augenbraue, die unter einer Schicht aus weißem Schminkresten hervorlugte. Er legte den Hörer langsam zurück in die Gabel, ohne den Blick von Adam zu lassen. Die Stille im Büro wurde nur vom fernen Trompeten eines Elefanten unterbrochen.
„Und wer ist die Dame?“, fragte Friedrich, während er sich in seinem viel zu großen Sessel zurücklehnte.
„Sie wohnt dort mit dem Kammerdiener des Zaiser“, erklärte Adam und blickte auf seine Stoppuhr, als müsse er die Zeit bis zur nächsten Information genau messen. „Sie sind jeden Tag bei ihm. Und sie lassen grüßen. Es war ein ausdrücklicher Befehl: Spätestens Mitte September müssen alle wieder zurück sein.“
Friedrich der Kleine hielt inne. Die Vorstellung, dass der Zaiser – ein Mann, dessen bloße Erwähnung früher ausgereicht hätte, um ganze ZirkusCamps in Flucht zu versetzen – nun in einer Klinik in Graz lag und von einer „netten Dame“ betreut wurde, löste in ihm ein Gefühl von absurder Melancholie aus. Es war, als würde man ein gewaltiges, furchteinflößendes Monster als domestiziertes Haustier wiederfinden, dem man die Zähne gezogen hatte.
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