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Vikarin schrieb am 25.9. 2006 um 10:36:02 Uhr über

Lisa

Wenn frau nachts unterwegs ist, wird die Umgebung kontinuierlich nach potenziellen, männlichen Bösewichten und zu umfahrenden, dunklen Ecken gescannt. Ja, Bösewichter sind immer Männer: erst letztens hatte ich zwei Berichte aus meinem Bekanntenkreis gehört, beide von Frauen um die dreißig, die von Männern belästigt worden waren. Ganz anders erging es mir:

Nach einem langen Seminarabend bin ich gegen Mitternacht mit dem Fahrrad auf dem Weg nach Hause. Mangels ausreichender Beleuchtung bewege ich mich gemächlich auf dem Bürgersteig fort, was um diese Zeit nicht stört, denke ich.

Niemand zu sehen auf den nächsten Metern, außer einer blonden Frau, die irgendwie gereizt aus einem Geländewagen aussteigt - und ein paar ältere Typen, die unter dem grell leuchtendem Schild des Sonnenstudios primitiv palavern: Fressen, Ficken, Fernsehen.
Ich gebe mich meinen Gedanken hin: die Blonde da, die sieht so aus wie die Lisa, von der im Blaster so oft berichtet wird. Aber wohnte sie nicht in München? Vielleicht hat sie ihren Wirkungskreis erweitert!

Plötzlich springt mich die junge Frau aus dem Geländewagen von der Seite an und stösst mich mit einem lauten Wutschnauben brutal vom Rad! Ich schreie erschreckt auf und bringe es trotz dieser unerwarteten Attacke fertig, auf beiden Füßen zu landen, mit meinem Gefährt als Schutzschild zwischen uns. Ha! Jahrelanges, mentales Training!

Mein Herz pumpt hektisch Kampf- oder Fluchtstoffe durch meinen Körper. Blondie-Lisa betrachtet mich, wie ich da so stehe und sie entgeistert anstarre.

»Was ist?«, ruft sie mit der ungeduldigen Handbewegung der jungen Schönheit, die es gewöhnt ist, anderer Leute Blicke auf sich zu ziehen.
»Was ist denn los?«, schreie ich aufgebracht zurück.

Lisa sieht wirklich gut aus: Disco-Queen, lange blonde Haare, blaue Augen, die Kurven männerfreundlich mit weißer Bluse und Minirock verpackt. Meine Frage bringt sie aus dem Konzept, sie blinzelt. Lisa fängt an zu denken, ich kann es sehen. Hat sie vermutet, dass ich als Akademikerin ihr jetzt eins in die Fresse schlage? Ist es das, was sie will, sich ordentlich prügeln? Lisa öffnet ihren roten Mund:
»Ach, verpiss Dich doch, Du hässliche Fotze«, schleudert sie mir voller Verachtung entgegen.
Das zustimmende Gegröle ihrer Begleiter, allesamt gesetzte Herren um die Fünfzig, ist ihr gewiss. Dann wirft sie ihre langen Haare schwungvoll zurück und stolziert verärgert von dannen.

Aha. Okay. Verpissen ... mach ich! Mensch Lisa, tut mir leid. Willst du mein Fahrrad haben?

Noch Tage später ärgere ich mich darüber, dass Lisa mich hässliche Fotze genannt hat.
Das liebe ich ganz besonders, wenn Frauen nichts besseres einfällt, als sich gegenseitig mit durch Männer geprägten, sexistischem Vokabular zu bewerfen.

Das ist, wie sich ins eigene Wohnzimmer scheißen. Aber aus den vielsagenden Einträgen im Blaster von Mutter Hannah und Tochter Lisa weiß ich, dass sie das von Hause nicht anders kennt. Daher muss ich nachsichtig sein - und milde.


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