>Info zum Stichwort welt | >diskutieren | >Permalink 
Irmtraut A. schrieb am 4.9. 2024 um 07:25:54 Uhr über

welt

Verlorene Welt

Der Park war still, als der Abend kam. Eine stille, die sich nicht nur aus der Welt zog, sondern auch aus den Gedanken. Das Licht, das durch die Bäume fiel, war matt und versöhnlich, wie die letzten Worte eines Gedichts, das niemand je zu Ende geschrieben hat. Und dort, in dieser schwindenden Helligkeit, sah ich sie, eine Frau, deren Name mir immer nur wie ein halbverklungener Ton erschien, ungreifbar und doch da.

Sie saß unter einem Baum, ihre Bewegungen waren unruhig, fast mechanisch, als ob sie in etwas gefangen wäre, das nicht einmal die Zeit lösen konnte. Sie baute ein Lager, oder vielmehr etwas, das ein Lager sein sollte, aber war es nicht vielmehr eine Grenze, eine Abgrenzung von dem, was um sie herum geschah? Stoffbahnen, die wie eine schiefe Mauer um sie standen, als könnten sie etwas abhalten, was längst in ihr wohnte.

Es war lange her, dass ich sie das letzte Mal gesehen hatte, und damals, so sagte man, war sie eine Frau, die in der Öffentlichkeit stand, stark und sicher in ihrer Stimme. Jetzt, so flüsterte es aus den Ecken der Stadt, lebte sie als Obdachlose, jemand, der von der Wirklichkeit entwurzelt worden war, jemand, der durch den Spalt zwischen den Welten gefallen war. Und er, der Mann, der ihr zur Seite stand, schweigend, als ob seine Worte nichts mehr ausrichten konnten, war ihr Schatten geworden, eine Silhouette, die sich an die Ränder ihrer Existenz klammerte.

Ich blieb stehen, nur kurz, aber lange genug, um die Last dieser Stille zu spüren, die zwischen ihnen hing. Ihre Augen waren leer, als hätten sie längst aufgehört, nach etwas zu suchen. Sein Blick war voll von dem, was nicht gesagt werden konnte, und es lag eine Traurigkeit darin, die nicht einfach war, sondern zusammengesetzt, wie ein Mosaik aus verlorenen Augenblicken.

Man sagte, sie sei verrückt geworden, gefangen in einer anderen Welt, aus der es keinen Weg zurück gab. Aber war es wirklich Wahnsinn, oder war es einfach die Flucht vor einer Realität, die sie nicht mehr tragen konnte? War das Lager unter dem Baum ein Versuch, sich selbst einzuhegen, oder war es ein Zeichen, dass sie längst woanders war, an einem Ort, den wir nicht sehen konnten?

Die Dämmerung kroch weiter, legte sich über die Szene wie eine Decke, die alles zudeckt, was zu schwer ist, um es anzusehen. Ich spürte den kalten Atem der Nacht und ging weiter, ließ sie zurück, aber nicht wirklich. Sie blieb, in einem Winkel meines Bewusstseins, in einem Raum, den ich nicht betreten wollte. Der Park, der so vertraut war, hatte sich verändert, hatte seine Grenzen verschoben, wie eine Haut, die sich von den Knochen löst.

Ich ging, aber das Bild folgte mir, wie ein Schatten, der sich in meine Schritte schlich. Ihre Gestalt, sein Schweigen, und die Stille, die schwerer wog als Worte. Es war eine Begegnung, die nichts in der Welt änderte und doch alles veränderte, ein Flüstern in der Dunkelheit, das mich nicht loslassen wollte.


   User-Bewertung: +1
»welt« ist ein auf der ganzen Welt heiß diskutiertes Thema. Deine Meinung dazu schreibe bitte in das Eingabefeld.

Dein Name:
Deine Assoziationen zu »welt«:
Hier nichts eingeben, sonst wird der Text nicht gespeichert:
Hier das stehen lassen, sonst wird der Text nicht gespeichert:
 Konfiguration | Web-Blaster | Statistik | »welt« | Hilfe | Startseite 
0.1325 (0.1268, 0.0042) sek. –– 941439283