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Paßwort FATALIST
(Quinta 2oo4-360
Gigabyte,
84-Zoll-Monitor, 4
Terabyte HD)
Mit der Schlüssel-CD-ROM, die ich, wie
von Stieftaal versprochen, auf dem Tisch
neben der Speichertür vorgefunden hatte,
und mit dem Paßwort FATALIST hatte
ich den Zentralrechner des vor mehr als
zwei Jahrzehnten verstorbenen Antimago
gebootet: ein veraltetes Großmodell der
Selbstlerner-Serie Quinta 2oo4 mit acht
externen Laufwerken zu je 4 Terabyte,
photomagnetischer
I,2-Exabyte-Festplatte, WELT betitelt,
und 360 Gigabyte Arbeitsspeicher - für
heutige Verhältnisse also ein plumpes,
uncharmantes Ding aus der Grundschule,
für die Zeit seiner Programmierung
jedoch, am Ende des Jahrtausends, eine
ungewöhnlich fähige Maschine, wie sie
sich damals in Filmbearbeitungs-Studios
und Forschungszentren für Gentechnik
oder Astrophysik, nicht aber in
Haushalten fand.
Ich hatte sie nachsichtig lächelnd,
dennoch mit Respekt vor der Geschichte
gestartet. Vielleicht war ich auch nur
davon beeindruckt, daß sie im Speicher
eines weit über hundertjährigen Hauses
stand, daß hier zwei Vergangenheiten
aufeinander prallten und daß der
Antimago überhaupt ein solches Gerät
besessen hatte: all seinen Verkündungen
zufolge handelte es sich dabei immerhin
um eine der schlimmsten Ausgeburten
des Teufels.
Das Gefühl, etwas, wenn nicht
Verbotenes, so doch zumindest
Unerlaubtes zu tun, hatte ich noch mit
Vergnügen in mir entdeckt und
unterdrückt: die siebente Märchentür, der
untersagte Zauberspruch, der Geist in der
Flasche konnten mich nicht nachhaltig
schrecken - es gehörte, wenn Sie sich
erinnern, zu unserer männlichen
[100] Übung, daß man zwar durchaus zu
registrieren verstand, was aus dem
Unbewußten aufstieg, es dann aber
entschieden und rücksichtslos beiseite
schob, wenn es nicht aufregend genug zu
sein oder zum Augenblick nicht zu
passen schien, oder wenn man einfach
keine Zeit zu haben meinte, sich darauf
einzulassen.
So hatte ich bis jetzt nicht immer
glücklich, aber hinlänglich erfolgreich
dreiundvierzig Jahre überlebt, und so
hatte ich, den leichten Seegang meiner
Seele glättend, nun das einzige auf dem
84-Zoll-Monitor angezeigte Dokument
ausgewählt, das unter dem Namen
REALITÄT offenbar mit einem
Architekturprogramm erstellt worden
war:
Auf der dreidimensionalen Zeichnung im
Maßstab I:I5 fügten sich vier spitz
zulaufende Treppen zu einer Pyramide
aus durchscheinend gezeichneten
Quadern, die im Verhältnis zum realen
Ganzen etwa die Größe von flachen
Ziegelsteinen haben mochten. Die Quader
trugen winzige Nummern; eine
Vergrößerung der Bildstelle machte sie
lesbar. Ihre Anzahl ging in die Tausende.
In mehreren Schaltschritten hatte ich das
Modell gekippt, gedreht und mich, wie
ein Schlachter in den Bauch des Rindes,
zum Zentrum vorgearbeitet, wo ich als
innersten Baustein der Pyramide ein
geschütztes Dokument mit dem Titel
EGO vorfand, das ich mittels Cursor und
Mausklick aktivierte, die Meldung,
Änderungen würden nicht möglich sein,
bestätigte, und es schließlich zur Ansicht
öffnete.
(Gert Heidenreich: Die Nacht der
Händler, München, S. 99-100)
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