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Conny von Hohl schrieb am 6.9. 2026 um 01:37:07 Uhr über

Furz

Der Wind

Es geschah am Abend.

Wir saßen noch am Tisch. Niemand sprach mehr. Draußen regnete es, und das Wasser lief an den Fenstern hinunter. Es war einer jener Abende, an denen man glaubt, das Leben müsse irgendeinen Sinn haben, nur weil man zu müde ist, noch danach zu suchen.

Dann furzte jemand.

Es war kein großer Furz.

Ein kurzes, trockenes Geräusch. Prrt.

Danach Stille.

Ich sah zu Karl hinüber. Karl sah auf sein Glas.

Du?“, fragte ich.

Nein.“

Mehr sagte er nicht.

Der Geruch kam später.

Er kam langsam, fast höflich. Zuerst war da nur etwas Warmes in der Luft. Dann Schwefel. Etwas von gekochtem Kohl. Ein wenig Ei. Vielleicht Zwiebel. Es war kein Geruch, der einen Raum betrat. Er nahm ihn allmählich in Besitz.

Karl öffnete das Fenster.

Kalt“, sagte ich.

Besser kalt als das.“

Er hatte recht.

Wir tranken weiter.

Es ist merkwürdig mit den Fürzen. Der Mensch baut Häuser, schreibt Bücher und schickt Maschinen ins All. Er trägt Krawatten und spricht über die Zukunft. Und irgendwo unter dem Hemd arbeitet währenddessen der Darm.

Er fragt nicht nach der Zukunft.

Er produziert Gas.

Das meiste davon riecht nicht einmal. Stickstoff. Kohlendioxid. Wasserstoff. Manchmal Methan. Unsichtbare Dinge, die den Körper verlassen und sofort bedeutungslos werden.

Nur einige wenige Stoffe verraten uns.

Schwefelwasserstoff. Methanthiol. Dimethylsulfid.

Es braucht nicht viel davon.

Das ist vielleicht eine der ältesten Erfahrungen des Menschen: Eine winzige Menge kann genügen, um alles zu verderben.

Methan ist schlecht fürs Klima“, sagte Karl.

Ja.“

Er sah mich an.

Dann ist das schlecht.“

Nein.“

Warum?“

Zu wenig.“

Er nickte.

Das beruhigte ihn.

Wir saßen eine Weile schweigend da. Der Regen wurde stärker.

Natürlich könnte man beginnen zu rechnen. Wie viele Menschen es gibt. Wie oft sie am Tag furzen. Wie viel Gas dabei entsteht. Man könnte Tabellen anlegen und Kurven zeichnen. Der Mensch liebt Tabellen. Sie geben ihm das Gefühl, die Welt sei weniger gefährlich, wenn sie nur genügend Spalten besitzt.

Aber beim menschlichen Furz führt die Rechnung zu keiner großen Katastrophe.

Sein Beitrag zum Klimawandel ist verschwindend gering.

Das gefiel mir.

Endlich etwas, bei dem wir uns nicht schuldig fühlen mussten.

Wir hatten genug andere Dinge.

Wir fuhren Autos. Wir heizten Wohnungen. Wir kauften Sachen, die irgendwo hergestellt und über halbe Kontinente transportiert wurden. Wir flogen manchmal fort, weil wir glaubten, an einem anderen Ort für zwei Wochen andere Menschen sein zu können.

Aber furzen durften wir.

Noch.

Karl schloss das Fenster.

Der Geruch war verschwunden.

So ist es meistens. Erst glaubt man, etwas werde für immer bleiben. Dann vergehen einige Minuten, und man kann sich kaum noch vorstellen, wie es gewesen ist.

Warst du es?“, fragte Karl.

Nein.“

Er sah mich an.

Ich sah ihn an.

Dann mussten wir lachen.

Draußen regnete es weiter.


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