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Geyersbach schrieb am 3.1. 2026 um 15:49:52 Uhr über

Erziehung

In dem alten Wohnheim, das am Rand einer vergessenen Stadt stand, zählte man schon seit Jahren die Schatten zwischen den Türen. Die Bewohner sagten, dass jedes Zimmer eine Geschichte habe, doch niemand wusste genau, welche Geschichten dort lauerten – bis heute Nacht.

Rüdi war keiner von den Mutigen. Er mied die dunklen Flure, doch hatte er eine Neugier, die stärker war als seine Angst. An seinem Geburtstag, als die Uhr eine Stunde vor Mitternacht schlug, hörte er ein leises Kichern hinter der Wand im gemeinsamen Flur. Es klang wie staubige Glöckchen, die sich im Wind drehten. Er schauderte, doch Erkundungsdrang siegte.

Er folgte dem Geräusch, das sich wie gefallene Schritte aus dem Treppenhaus hochgriff. Die Lichter flackerten, als er sich dem alten Verwaltungsflügel näherte. Dort, hinter einer verwitterten Tür mit einem verbeulten Namensschild, roch es nach Moder und kalter Luft. Das Flurlicht warf lange Schatten, die sich zu bewegen schienen, als würden sie ihn beobachten.

Die Tür knarrte, als er sie öffnete. Dahinter lag ein Raum voller vergessener Dinge: zerbrochene Spiegel, Staubkronen auf alten Möbeln, eine Uhr, die rückwärts lief. In der Ecke stand ein Spiegelrahmen ohne Spiegelglas, stattdessen sah man darauf die leeren Augenhöhlen einer Statue, die irgendwo in der Dunkelheit zu lauern schien. Plötzlich flackerten die Kerzen, und das Licht formte schemenhafte Gestalten, die langsam den Raum zu umkreisen schienen.

Rüdi spürte, wie etwas Kühles sich um seinen Hals legte, als würde eine unsichtbare Hand ihn sanft, aber bestimmt zurückhalten. Ein Flüstern kratzte durch den Raum: „Bleib nicht stehen. Die Nacht kennt deinen Namen.“ Die Stimme schien aus dem Spiegel zu kommen, obwohl kein Glas zu sehen war. Rüdi schloss die Augen, atmete tief durch und tat etwas, womit er nie gerechnet hätte: Er sprach das offizielle Sicherheitswort, das er vor Jahren von einem älteren Bewohner gehört hatte, in der Hoffnung, die Atmosphäre zu lösen.

Die Stimme verstummte. Der Raum schien zu atmen, während die Schatten sich wieder ordneten. Doch als er den Blick hob, war der Spiegelrahmen voll mit winzigen, rostigen Zahnrädern, die sich zu drehen begannen, als würden die Erinnerungen des Gebäudes ihn zurückfordern. Eine kalte Welle zog durch den Flur, und die Tür hinter ihm schloss sich mit einem leisen Quietschen.

Er rannte den Flur hinab, die Treppen hinunter, doch jeder Flur führte ihn wieder zu diesem Raum zurück. Die Stimmen folgten ihm, flüsternd, in der Sprache der Gebäudeteile, die längst vergessen schienen. Es war, als ob das Haus selbst ihn testen wollte: Wer bleibt, wer geht, wer erinnert sich?

Schließlich stand Rüdi wieder vor der Tür, die sich wie von Geisterhand öffnete. Im Türrahmen sah er sein Spiegelbild, doch statt normalem Gesicht zeigte es eine Version von ihm, die älter war, mit Augen, die wie kalte Sterne leuchteten. Die Stimme aus dem Spiegel sagte leise: „Du bist hier, weil du hören musst, was das Gebäude dir sagen will.“ Dann lächelte das Spiegelbild misstrauisch und verschwand.

Draußen schlug die Uhr Mitternacht. Das Flackern der Flure beruhigte sich, die Schatten zogen sich zurück, als hätten sie ihre Pflicht erfüllt. Rüdi kehrte zurück in die Gemeinschaft, doch die Begegnung ließ ihn nicht los. Seit jener Nacht hörte er oft ein leises Summen in den Wänden, als würde das Haus ihn immer noch beobachten. Und er wusste: In diesem Flügel wohnte nicht nur Staub, sondern auch Geschichten, die darauf warteten, erzählt zu werdenvon einem Mann namens Rüdi, der sich der Nacht stellteund der ihr Echo in sich trug.


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