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Michaelis: Johann David M., berühmter Orientalist, Theolog und Polyhistor des 18. Jahrhunderts, geb. am 27. Februar 1717 in Halle, † am 22. August 1791 in Göttingen. – Als älterer Sohn des Theologen und Orientalisten Christian Benedict M. in Halle († 1764), Großneffe des gleichfalls Halle’schen Theologen und Bibelforschers Johann Heinrich M. († 1738), erhielt er den ersten Unterricht im väterlichen Hause durch verschiedene Privatlehrer, unter denen er besonders dem Candidaten der Theologie, nachmaligen Superintendenten in Lüneburg, Zur Linden, viel zu verdanken bekennt, besuchte dann 1729 ff. die Schule des Waisenhauses, wo er von dem pietistischen Geiste berührt, aber auch durch S. J. Baumgarten in die damals in Preußen verbotene Wolfische Philosophie eingeführt wurde, und bezog 1733 die Universität seiner Vaterstadt. Er war zuerst als medicinae cultor immatriculirt worden (Matrikel auf der Göttinger Bibliothek), hörte mathematische und historische Vorlesungen, ging dann aber bald, wie es scheint auf Wunsch seines Vaters, zum Studium der Theologie und orientalischen Sprachen über, worin neben seinem Vater Baumgarten, Knapp u. A. seine Lehrer waren. Daneben übte er sich im Predigen und Unterrichten durch unentgeltliche Lectionen, die er in den obersten Klassen der Waisenhausschule ertheilte. Nachdem er 1739 durch Vertheidigung einer Dissertation über das Alter der hebräischen Vocalzeichen unter seines Vaters Präsidium Magister geworden, auch bereits fast ein Jahr lang mit ziemlichem Beifall Vorlesungen gehalten, trat er 1741 eine wissenschaftliche Reise nach Holland und England an, die wesentlich dazu beitrug, seinen Gesichtskreis zu erweitern, seine Kenntnisse und Erfahrungen zu bereichern und ihm neue Quellen und Wege zu eröffnen für seine [686] exegetischen, historischen und orientalischen Studien. Er verweilte längere Zeit in London als Hilfsprediger des deutschen Hofpredigers Ziegenhagen, in Oxford, wo er die freundlichste Aufnahme fand, in Leyden, wo er den berühmten Arabisten Schultens kennen lernte, auf dem Rückweg in Hamburg, wo er bei dem damaligen Senior Wagner Beantwortung seiner Zweifel an der übernatürlichen Gnade zu finden hoffte. Nach Halle zurückgekehrt fing er wieder an Vorlesungen zu halten, theils über biblische Bücher, theils über semitische Sprachen, theils über Naturhistorie und lateinische Autoren, und beschäftigte sich daneben mit Predigten, mit litterarischen und bibliothekarischen Arbeiten. Trotz des Beifalls aber, den seine Vorlesungen fanden, gefiel ihm Halle gar nicht mehr; er sehnte sich weg und die Pietisten ließen ihn gerne ziehen, weil er „die erste Liebe verloren“. Um so willkommener kam ihm der Antrag des überall nach jungen Talenten spähenden Curators der jungen Georgia Augusta, Freiherrn v. Münchhausen, zunächst als Privatdocent mit einem kleinen Gehalt nach Göttingen zu kommen. Er folgte diesem Ruf zu Michaelis 1745 und mit diesem Uebertritt von Halle nach Göttingen vollzog sich auch die Krisis seines Geistes – seine Umwandlung aus einem Schüler der Halle’schen Pietisten in einen Hauptvertreter der in Göttingen von Anfang an gepflegten theologisch-moderaten, historisch-kritischen Richtung. Fast ein halbes Jahrhundert, volle 46 Jahre lang, 1745 bis 1791, hat M. ununterbrochen der Universität Göttingen angehört als einer ihrer berühmtesten Lehrer, eine ihrer Zierden und Stützen in guten und bösen Tagen. Die erste Zeit seines dortigen Aufenthalts zwar war für ihn nicht sehr angenehm; bald aber gewann er warme und einflußreiche Freunde an Haller wie an Gesner, Mosheim u. A., fand als Docent steigenden Beifall, wurde 1746 außerordentlicher, 1750 ordentlicher Professor in der philosophischen Facultät. Den Titel eines Professors der orientalischen Sprachen, der ihm oft beigelegt wird, hat er nie geführt, wie er auch niemals Doctor oder Professor der Theologie geworden ist, obwol er mit specieller Erlaubniß des Universitätscuratoriums mehrmals Vorlesungen über Dogmatik und Moral gehalten hat. Seine regelmäßigen Vorlesungen aber umfaßten besonders alt- und neutestamentliche Exegese und Kritik, hebräische Antiquitäten, Mosaisches Recht, hebräische, arabische, chaldäische und syrische Sprache. Seine Wirksamkeit auf dem Katheder war, wenigstens in seiner besten Zeit, eine höchst bedeutende: er war – wie einer seiner Schüler bezeugt – „einer der vollkommensten Docenten, die je, solange Universitäten sind und sein werden, gelebt haben“. Im natürlichsten Conversationston, in fließender und hinreißender Sprache, durch eine außerordentliche Zungenfertigkeit, ein lebhaftes Mienen- und Geberdenspiel, durch eine unerschöpfliche Mannigfaltigkeit in Wendungen, Bildern und Vorstellungsarten, freilich auch durch allerlei Abschweifungen, Anspielungen, Witzeleien und derbe Späße wußte er sein immer zahlreiches Auditorium anzuregen, zu fesseln und zu unterhalten. Seine Vorlesungen waren neben den pedantisch gründlichen eines Walch, Zachariä u. A. eine wahre Erholung, da er seine Zuhörer mit großer Leichtigkeit zu einer Uebersicht über das Ganze zu führen und dem Wesentlichen seines Vortrags eine Fülle von interessanten Nebenbetrachtungen einzuweben wußte. Freilich widerstand er auch nicht, zumal in seinen späteren Jahren, der in dieser Art des Vortrags liegenden Gefahr, alles Mögliche herbeizuziehen, was mit dem Hauptgegenstand in sehr entfernter Beziehung stand, sodaß er oft eher von allem Anderen sprach als von dem, was zur Sache gehörte, Anekdoten erzählte, Tagesneuigkeiten besprach, Witze riß, die für Ernstergesinnte seinen mitunter geradezu „possenhaften Vortrag“ ungenießbar machten (vgl. J. G. Müller, Lebensbeschreibung, S. 43; Rauschenbusch, Leben, 1840, S. 45).
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