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ben/SCWS schrieb am 16.1. 2003 um 18:20:56 Uhr über

Yuengling

(Neos Attentat. Yuengling-Rausch kann nicht der Grund gewesen sein.)
Eudora weiß, daß ich in unserem Institut der Akustik-Experte bin, daß ich momentan hier, an der Hopkins - Universität, einen (befristeten) Lehrautrag für Komposition habe. Sie behauptet, in Mexico Conlon Nancarrow begegnet zu sein. Geduldig glaube ich ihr alles, sogar, daß sieConnyauf die Idee gebracht habe, automatische Klaviere zu programmieren. Sie finanziert unser Institut in Samarkand. Wie lange noch?
Ich finde, daß Nancarrow, mit seinen gelochten Papierrollen, gnadenlos die mechanischen Grenzen des Klaviers ausloten wollte. Er wollte eigentlich, vorzeitig, den Computer.
Ja, Eudora! Diese Idee hat ihn unsterblich gemacht!“
Neo sitzt schweigend dabei und spielt mit einem schweren russisch-orthodoxen Kreuz; es hängt sonst immer kopfunter an der Wand. Neo trinkt Yuengling, mich hat Eudora zu Tee überredet. Bix, unser Pudel, atmet tief und seufzt auf Eudoras Schoß, die Augen wild auf Neo gerichtet.
Neo scheint mit dem aus Messing geformten Erlöser zu reden; er gibt vor, ähnliche Folterqualen zu erdulden.
Die vor Alter etwas schwachsinnige Dame und Neo in seinem Delirium sind schwer zu ertragen.
Der schräge Balken, auf dem der Gekreuzigte steht, hat es Neo angetan. Ob ein Folterer Zugeständnisse machen solle, fragt er uns.
Er hier ist auch noch dankbar!“ ruft Neo auf deutsch. „Dankbar und begreift nicht, daß er nichts als länger leiden soll!“ und schleudert das Kreuz auf Eudora! Und trifft den Hund.
Quiekend springt Bix davon, springt hoch ans Fenster. Das Glas splittert, er ist draußen.
Eudoras Herz müßte stillstehen. Sie betrachtet aber in Ruhe einen Blutfleck auf ihrem Kleid.
Neo rennt hinaus und poltert die Treppe hinunter, um nach Bix zu sehen. Daß Eudora mich bittet: „geh ins Bad! hol mir ein Tampon!“ hat er nicht mehr gehört. Was ich aus dem Bad bringe, sind ein paar angefeuchtete Kleenex - Tücher.
Neo kommt wieder und zittert vor Kälte. Bix sei verschwunden.
Neo“, sagt Eudora mit einer ganz veränderten, klaren Stimme, „gib mir jetzt ein Yuengling!“
Dann sitzen wir schweigend. Frieren und wollen bald aufbrechen.
Ihr Lieben!“ sagt Eudora, „es wird Zeit, daß ihr wieder abreist!“
Sie hat recht. Wir haben zu lange gewartet. Wir werden nach Samarkand fliegen, wenn auch nur, um unser Institut zu schließen.
Neo telefoniert nach einem Taxi. Wieder und wieder verwählt er sich.
Was schaust du zu und hilfst mir nicht!“
Ich telefoniere. Während wir an der Auffahrt vor Eudoras Haus aufs Taxi warten, rufen wir noch einigemal nach Bix.
Im Taxi holt Neo eine Flasche Yuengling aus seinem Mantel, und das russische Kreuz. Wer weiß, wo das sonst landen wird, sagt er, wenn Eudora tot ist!



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