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Rufus schrieb am 25.11. 2005 um 21:56:02 Uhr über

Musik

Hans Zimmermann, Görlitz : Quellen zum Thema »Schöpfung« und zum Weltbild der Antike und des Mittelalters
- zur Einführung in die philosophische Tradition : Boethius : De institutione musica

Anicius Manlius Severinus Boethius
de institutione musica
liber primus,
caput II Von der Struktur der Musik
Buch I
Kapitel 2



... es gebe drei Musikbereiche, in denen über die Kraft der Musik berichtet wird. Im Anfang also scheint der, der »Musik« erörtert, jenes Lehrstück kurz einschalten zu müssen:
wieviele Musikarten wir kennen, die von ihren Wissenschaftlern erfaßt werden.
Es sind drei:
Und zwar ist die erste die Weltenmusik, die zweite dann ist die innermenschliche Musik, die dritte ist die, die auf Instrumenten gespielt wird, z.B. auf der Kithara oder auf Flöten,und auf den anderen Instrumenten, die der Melodie dienen.

Und zuerst muß die Weltenmusik hier besonders untersucht werden, die im Himmel selbst und auch im Gefüge der Elemente und im Zeitenwechsel erfahren wird:
Wie nämlich kann es sein, daß die rasante Himmelsmaschinerie so still und leise abläuft?
Und wenn jener Klang nicht zu unseren Ohren gelangt, was doch aus vielen Gründen notwendig wäre, so könnte dennoch nicht eine derart rasante Bewegung so großer Körper keinen einzigen Ton erregen, zumal die Gestirnbahnen in einer so gewaltigen Fügung miteinander verbunden sind, daß man nichts vergleichbar Gefügtes und nichts, das ebenso ineinanderpaßte, finden könnte; denn die einen rasen auch auf erhabeneren Bahnen, die anderen auf niederen, und alle wälzen sich in gleicher Erregung, so daß durch ungleiche Distanzen doch eine intelligente Ordnung der Umlaufbahnen geführt wird.
Daher kann man diesem himmlischen Wirbel eine intelligente Harmonie-Ordnung nicht absprechen.

Aber auch die Verschiedenheiten der vier Elemente und ihre gegensätzlichen Kräfte, wenn keine Harmonie sie verbünde, wie könnte es dann sein, daß sie zu einem gemeinsamen Körper, zu einer gemeinsamen Maschine zusammenwirkten?
Aber diese ganze Verschiedenheit bringt doch den Zeitenund Fruchtwechsel hervor, so daß sie eben einen einheitlichen Jahreskörper bewirkt.
Wenn du also etwas von dem, was diese große Verschiedenheit in den Dingen bedient, mit deinem Sinn und Verstandes zerpflückst, muß alles zugrundegehen und kann sozusagen nichts von den Zusammenklängen bewahren.
Und wie in den tiefen Saiten die Stimme so liegt, das die Tiefe nicht bis zum Verstummen hinabsteigt, und wie in den hohen jene Höhenlage beachtet wird, daß die Saiten nicht durch Überspannung reißen, sondern das Ganze mit sich übereinstimmen und zusammenkommen muß, so durchschauen wir auch in der Weltenmusik, daß nichts auf die Weise zuviel sein kann, daß es das andere durch sein eigenes Übermaß auflöst.
Vielmehr bringt, was auch immer jenes ist, entweder seine Früchte oder hilft anderen, sie zu bringen. Denn indem der Winter zusammenzieht, der Frühling löst, der Sommer dörrt und der Herbst reifmacht, bringen die Zeiten selbst wechselweise ihre Früchte oder unterstützen andere, sie zu bringen. Dies muß später noch eingehender behandelt werden.
Die innermenschliche Musik nun erkennt jeder, der in sich selbst hinabsteigt.
Was ist es nämlich, was jene unkörperliche Lebendigkeit des Bewußtseins in den Körper einpaßt, wenn nicht eben eine Zusammenfügung und, wie bei tiefen und hohen Stimmen, gleichsam ein Maß, das eine Konsonanz bewirkt?
Was gibt es aber anderes, was die Teile der eigenen Seele untereinander verbände, die, wie Aristoteles gerne formuliert, aus Vernünftigem und Unvernünftigem verbunden ist.

Was aber gibt es, das die Elemente des Körpers vermischt oder die Teile für sich mit intelligenter Zusammenfügung zusammenhält?
Doch auch das will ich später erörtern.

Den dritten Bereich bildet die Musik, die auf Instrumenten spielen soll.
Diese wird etweder durch Anspannung erzeugt, wie bei Saiten,
oder durch Luft, wie bei Flöten und bei Instrumenten, die mit Wasser funktionieren, oder mit Schlägen, wie bei den Instrumenten, die mit einem krummen Erzstab geschlagen werden, und daher verschiedene Klänge hervorbringen.
Von dieser Instrumentalmusik also scheint dies Werk zuerst zu handeln.
Aber für das Vorwort genügt dies.
Im folgenden sind die elementaren Grundlagen der Musik zu erörtern.


Netzfundstück


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