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sierten Wohnformen. Dieser Aspekt, daß sehr heterogene Faktoren in der italienischen Situation ins Spiel gekommen sind, hat - selbst 'in der Hitze des Gefechts' - eine echte »technisch-politische« Reflexion in Gang gesetzt.
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Das italienische Experiment hat etwas sehr eigenes und originelles, das übrigens auch nicht verloren gegangen ist. Deshalb hat es kein Scheitern gegeben. Von Scheitern könnte man nur sprechen, wenn man darauf aus gewesen wäre, die Gesellschaft von Grund auf zu ändern, aber man wußte genau, daß es etwas anderes braucht, um die Gesellschaft zu verändern. Etwas anderes als eine kleine Bewegung. Wenn ich von revolutionären Widerstand spreche, von »D6fense Populaire«, so beziehe ich mich damit auf eine wesentliche wissenschaftliche Erfindungsgabe, die in der Bevölkerung wurzelt. Ich erinnere mich noch an die Redebeiträge im großen Amphitheater »Richelieu« der Sorbonne, ganz zu Beginn vom Mai 68, bevor das Thäätre de 110d6on besetzt wurde.Ich komme rein. Es sind unheimlich viele Leute da. Ich höre einen Typen, wahrscheinlich einen Kommunisten, sagen: »Ich habe an den Mauern der Sorbonne gelesen: Die Phantasie ergreift die Macht. Das stimmt nicht, das tut die Arbeiterklasse.« Ich habe ihm entgegnet: »Nun,Genosse, dann glaubst du also, die Arbeiterklasse hätte keine Phantasie?« Das war ziemlich klar; der eine bezog sich auf die Masse, die wie eine Soldatenmasse fähig ist, die Macht zu übernehmen, der andere (ich) bezog sich auf die Phantasie, die am Werk ist - wie die Autonomen. So gesehen reagierte ich damals wie sie!
Der Mai 68 war eine Art poetische Metapher, und die autonome Bewegung in Italien der Versuch, sie gewissermaßen buchstäblich auf andere Bedingungen zu übertragen.
Ein Scheitern der italienischen Autonomen gibt es in marxistischer Sicht, wonach das Leben geändert werden müßte. Ich denke jedoch, daß dies nicht in unserem Ermessen liegt, daß wir nicht an dem Punkt sind. Die Au-
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tonomen haben Fragen aufgeworfen. Sie haben nicht im mer Antworten gefunden, aber auf keinen Fall haben si eine Antwort gefunden, die das Leben verändern könnt Nicht das Leben muß man verändern, sondern den Tod, das Verhältnis zur Dauer; dazu gehört auch die kurze r politischer Strömungen. In der von mir bei den Daue
Editions Galiläe herausgegebenen Reihe habe ich auch sammelten Manifesten das Buch von Renö Lourau mit ge
zur Selbstauflösung der Avantgarden veröffentlicht 17. Darin liegt etwas, womit ich ganz und gar einverstande bin: einzig solche Bewegungen haben existiert, die es fertig brachten, von selbst aufzuhören, Schluß zu machen, bevor sie draufgingen! Wenn die Autonomen sich auflösen, wenn sie den Hut nehmen und sagen: wir haben unser Ding gemacht, wir treten von der Bühne ab, wir konnten weiter nichts machen, so zeigen sie damit, daß sie keine Stalinisten sind, daß sie sich nicht in die Geschichte einschreiben wollen.
Die Diaspora der Autonomie ist immer noch Autonomie. Daß sie sich dafür entschieden haben, sich in der gan zen Weit zu zerstreuen, bedeutet eine neue,weitweite Form politischen Experimentierens. Und statt in ihrer Zerstreuung ein Scheitern zu sehen, sollte man damit a fangen, diese Erfahrungen aufzugreifen.
Unbedingt: Die Frage der Aktion ist für mich immer ei Problem gewesen, denn meine Sichtweise ist trotz allem eine wissenschaftliche. Als ich über die Dromologie wei terarbeitete (Geschwindigkeit und Politik), hatte ich e ne Bewußtseinskrise, einen Gewissenskonflikt. Mir ist klar geworden, daß mein Ansatz etwas abgehoben war, irgendwie transhistorisch. So habe ich mir also Gedan über die Frage des Widerstands gemacht. Ich habe ver sucht, ein kleines Buch über den reinen Krieg und sei ne Konsequenzen zu schreiben, das eine Antwort auf vorhergehende Buch darstellt.
Das hast du mit D6fense populaire et luttes äcologique unternommen.
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