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was fortuna in den dingen dieser welt vermag und wie man ihr begegnen soll
es ist mir nicht unbekannt, dass viele der meinung waren und noch sind, dass die dinge dieser welt so sehr vom glück und von gott gelenkt werden, dass die menschen mit all ihrer klugheit nichts gegen ihren ablauf ausrichten können, ja, dass es überhaupt kein mittel dagegen gibt. daraus könnte man folgern, man solle sich nicht viel mit den dingen abquälen, sondern sich vom zufall leiten lassen. diese anschauung ist in unserer zeit wegen der grossen umwälzungen, die wir erlebt haben und täglich erleben und die ausserhalb jeder menschlichen berechnung liegen, weit verbreitet. wenn ich dies bisweilen denke, neige ich auch in mancher hinsicht zu dieser anschauung. doch da wir einen freien willen haben, halte ich es nichtsdestoweniger für möglich, dass fortuna zur hälfte herrin über unsere taten ist, dass sie aber die andere hälfte oder beinahe soviel uns selber überlässt. ich vergleiche sie mit einem reissenden strom, der bei hochwasser das land überschwemmt, bäume und häuser niederreisst, hier land fortträgt und dort anschwemmt; alles ergreift vor ihm die flucht, jeder weicht seinem ungestüm aus, ohne nur den geringsten widerstand leisten zu können. obwohl die dinge so liegen, bleibt doch nichts anderes übrig, als dass die menschen in ruhigen zeiten durch den bau von deichen und dämmen vorkehrungen treffen, und zwar derart, dass die steigenden fluten entweder durch einen kanal abgeleitet werden oder ihre wucht gehemmt wird, damit sie nicht so rasend und verheerend wird.
ähnlich steht es mit fortuna; sie zeigt ihre macht dort, wo es an der kraft des widerstands fehlt, und sie richtet dorthin ihren angriff, wo sie weiss, dass sie nicht durch dämme und deiche gehemmt wird. [...]
doch möchte ich mehr auf einzelheiten eingehen und feststellen, dass man einen herrscher heute im glück leben und morgen stürzen sieht, ohne dass sich seine naturanlage oder irgendeine seiner eigenschaften geändert hätte. dies ist meiner meinung nach zunächst auf die vorher ausführlich besprochenen ursachen zurückzuführen, dass nämlich ein herrscher, der sich völlig auf das glück verlässt, zugrunde geht, sobald sich dieses ändert. auch glaube ich, dass nur der erfolgreich ist, der seine handlungsweise mit dem zeitgeist in einklang bringt, wie der erfolglos sein wird, dessen vorgehen nicht mit den zeitverhältnissen übereinstimmt.
man sieht, dass die menschen verschieden vorgehen [...] man kann also mit den verschiedensten methoden zum ziel kommen. [...]
davon hängt auch der wechsel des glücks ab. wenn demnach einer mit bedacht und geduld verfährt und seine methode der zeit und den verhältnissen entspricht, so kommt er vorwärts; doch wenn sich die zeiten und die verhältnisse ändern, so geht er zugrunde, weil er seine methode nicht ändert. es gibt kaum einen so klugen menschen, der es verstünde, sich den zeiten anzupassen; denn niemand kann gegen seine natürliche anlage handeln, und ferner kann sich niemand entschliessen, von einem weg abzugehen, den er stets mit erfolg begangen hat. wenn daher die zeit ein stürmisches vorgehen fordert, so vermag ein bedächtiger mann nicht danach zu handeln, und er geht zugrunde. würde er mit den zeiten und verhältnissen sein wesen ändern, so würde sich das glück nicht ändern. [...]
ich komme also zu folgendem schluss: da sich das schicksal wandelt und die menschen auf ihre methoden versessen sind, werden sie nur dann erfolg haben, solange sich beides miteinander im einklang befindet, und sie werden misserfolge haben, wenn beides nicht übereinstimmt. ich bin aber der meinung, dass es besser ist, draufgängerisch als bedächtig zu sein. denn fortuna ist ein weib; um es unterzukriegen, muss man es schlagen und stossen. man sieht auch, dass es sich leichter von draufgängern bezwingen lässt als von denen, die kühl abwägend vorgehen. daher ist fortuna immer, wie jedes weib, den jungen menschen freund; denn diese sind weniger bedächtig und draufgängerischer und befehlen ihr mit grösserer kühnheit.
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