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Aaron Candido schrieb am 7.1. 2006 um 21:46:56 Uhr über

DasFüllhornDesEwigenErbrechens

In einem Studentenheim standen wir uns dann gegenüber, etwas hilflos zunächst, denn ich konnte weder Vietnamesisch noch Tschechisch und Thu Ha nicht Deutsch. Unsere Brücke war Englisch, aber das lernte sie erst seit drei Monaten. Die Karte an mich war ihr erster Praxisversuch gewesen. Eine herzliche Umarmung mußte also viele Worte ersetzen. Der Kontakt war jedoch sofort hergestellt. Ich hatte Fotos mit aus der Studentenzeit ihres Vaters und auch die Bilder, die er mir aus Hanoi geschickt hatte. Strahlend zeigte sie auf ihre Mutter: »This is my Vietnamese mother.« Dann faßte sie meine Hand: »And this is my German mother.« Glückliches Lachen auf beiden Seiten, eine Tasse vietnamesischen Tees in tschechischem Geschirr und deutsche Kekse gleich aus dem Karton. Wir waren uns unendlich nah, saßen auf der Bettkante, wälzten Wörterbücher Tschechisch/Englisch und Englisch/Deutsch, nahmen Papier und Bleistift zu Hilfe, zeichneten, wenn Worte nicht ausreichten, und hatten großen Spaß an dieser mühsamen Unterhaltung. Aber erst später, als Thu Ha schon viel besser Englisch konnte, habe ich den Sinn der ersten Kontaktaufnahme richtig verstanden: I am your Vietnamese daughter war keine unbeholfene Redewendung. Das Kind in Hanoi war aufgewachsen in dem Bewußtsein, daß es eine vietnamesische Mutter hatte, die es zur Welt brachte, und eine deutsche, die es nährte - mit Trockennahrung aus der DDR.

Jahre später saß ich wieder in einem Zug nach Prag, diesmal mit einem Baukasten im Gepäck, Buntstiften und einem Malbuch. Thu Has Mann hatte eine Stelle an der Botschaft in Tschechien bekommen, und so waren sie nach Jahren in der Heimat nun zurückgekehrt. Und sie hatten Cong mitgebracht, ihren vier Jahre alten Sohn, ein strammes Bürschlein mit flinken Augen, die überall Interessantes entdeckten.

Jetzt holten sie mich vom Zug ab, und schon auf dem Bahnsteig hörte ich den Ruf: »Omi!« und hielt bald darauf meinen neuen 'Enkel' in den Armen. »Ahoi«, grüßte er mit dem ersten Wort, das er von den Tschechen aufgeschnappt hatte. Es kam - ebenso wie Omi - in Kürze und Klang den Worten seiner Muttersprache nahe. Nun war ich von der dritten Generation in die Familie aufgenommen worden und wurde auch sofort gefordert. Cong zog mich zur Lok, stellte tausend Fragen, die ich leider nicht verstand, und ich mußte mit ihm die Räder beobachten, die anfingen, sich zu drehen. Mit seinen Händen ahmte er die Bewegung nach und machte mir deutlich, daß sie unbedingt auf den Schienen laufen mußten, wenn es kein Unglück geben sollte. Wir hatten keinerlei Worte zur Verfügung, aber alles war klar. Thu Ha stand neben uns und lachte: »Weißt Du noch, wie wir damals im Studentenheim auf dem Bett saßen und in Wörterbüchern suchtenIch wußte es noch - und ich sah auch wieder ihren Vater mit seiner Teetasse auf meinem Bett sitzen und Beethovens Violinkonzert lauschen.


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