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> The Mormon Bible is rather stupid and tiresome
> to read, but there is nothing vicious in
> its teachings. Its code of morals is
> unobjectionable -- it is »smouched«
> from the New Testament and no credit given.
> Die Mormonenbibel ist ziemlich dumm und ermüdend
> zu lesen, aber in ihren Lehren gibt es nichts
> Bösartiges. Ihr Moralkodex ist nicht zu
> beanstanden - er ist 'gemopst' aus dem
> Neuen Testament, ohne Anerkennung.
(MARK TWAIN, From Roughing It, Chapter 16)
Beurteilt von einem säkularen, vom Liberalismus beeinflussten Standpunkt aus könnte man sagen, dass eine Moral des Neuen-Testamentes gegenüber dem AltenTestament in der Tat ein Fortschritt wäre, insbesondere wenn man an so manche Gebote und Verbote denkt.
Es ist manches unlogisch an diesen Buch, vieles ergibt schriftstellerisch kaum Sinn, soweit meine zugegeben begrenzte Lektüre mich zu einem Urteil ermächtigt. Die moralischen Gebote, die Twain so lobend erwähnt, enthalten das Verbot heißer Getränke, was dann so ausgelegt wird, dass heiße Getränke zwar erlaubt, dafür aber Tee und Kaffee verboten sind, zeitweise auch Coca Cola und Pepsi. Ob letzteres eine offizielle Lehre der Kirche oder, wie von dieser kolportiert, ein unbegründetes Missverständnis der Gläubigen war, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, die Mormonen haben nämlich die Ansicht, dass die Lehre ihrer Religion keine ewige Wahrheit, sondern eine sich entwickelnde Offenbarung ist. Ich vermute auf Basis der Erfahrung mit vergleichbaren Organisationen, dass das eine nachträgliche, rückwirkende Widerrufung alter Lehren einschließt. Es wäre jedenfalls für andere Religionen nicht untypisch.
Irgendwas fasziniert mich an dieser seltsamen Religion. Nicht so sehr, weil ich den Verdacht hätte, sie könne war sein -- im Gegenteil, die Biographie des Propheten, die historischen Unmöglichkeiten und die weitere Entwicklung der Kirche lassen mein Urteil eher zum Gegenteil tendieren -- , sondern wegen der Obskurität der Lehre.
Menschen werden den Göttern gleich, es gibt mehrere Gottheiten, von denen Drei (Vater, Sohn und Heiliger Geist) in Willen und Zweck vereint sind, neben den göttlichen Vater gibt es noch eine Mutter, von der aber nicht empfohlen wird, sie anzubeten, nach dem Tod können Seelen noch konvertieren, Gott erschuf weder die Materie, noch die Intelligenz, sondern ordnete beides lediglich an etc.
Wenn man so will, dann ist die Mormonische Religion ein »Update« auf das Christentum, eine Neuauflage, das implizit den Diskursen und der Religionskritik des 19. Jahrhunderts antwortet. Etwa das Epikur-Trilemma, auch bekannt als »Problem des Bösen«. Für die traditionellen Monotheismen ist es ein durchaus ernstes Problem. Für die Mormonen dagegen spielend; da Gott die Welt nicht erschuf, konnte er sie aufgrund von Sachzwängen nicht vollkommen machen, zudem gibt es ja andere Götter, die den Heilsplan Gottes in die Quere kommen; oben drauf haben die pre-existenziellen Seelen den Weg auf die Erde auch gewählt.
Dem Familienleben wird höchsten Wert beigemessen. Das ist, auch wenn einige Konservative uns da anderes erzählen wollen, ein Gegensatz zum Christentum, wo Familie der Gemeinde untergeordnet wurde.
Ich verstehe gewisserweise, wieso diese Lehre für Menschen des 19. Jahrhunderts eine Anziehung haben konnte.
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