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Fuckdonalds, Brüssel, Ostern
Stell dir vor, da ist ein Platz.
Léa weiß schon, wo.
Sie ist siebenundzwanzig, trägt einen ausgewaschenen grauen Hoodie und silberne Creolen. Die Haare hat sie sich selbst geschnitten, schief genug, dass es Absicht sein könnte. Sie reist mit einem Rucksack, in dem fast immer dieselben Dinge liegen: Kopfhörer, ein zerlesenes Buch, ein Ladegerät und ein Stoffbeutel aus einem Museum, in dem sie nie gewesen ist.
An Ostern landet sie in einem McDonald’s in Brüssel.
Schon der Satz klingt wie ein schlechter Witz.
Draußen fällt belgischer Nieselregen. Drinnen riecht es nach Frittierfett, süßem Ketchup und heißem Plastik. Dort, wo sonst Bestellnummern aufleuchten, steht heute eine Bühne. Zwischen den Getränkespendern baut jemand DJ-Equipment auf. Die ersten 808s rollen durch den Raum, so tief, dass die Pappbecher auf den Tischen zittern.
»Fuckdonalds«, ruft jemand.
Alle lachen.
Der DJ mischt Rage, UK-Underground, Phonk und Drill ineinander. Verzerrte Synths reißen auf, Bässe schlagen gegen die Brust, Hi-Hats flackern wie Neonlicht. Ein Track klingt, als wäre er direkt aus einem übersteuerten Handy exportiert worden. Der nächste kippt in Jersey Club. Niemand interessiert sich dafür, wie das Genre heißt. Hauptsache, der Beat trifft zuerst den Brustkorb und dann den Boden.
Léa grinst.
Gestern noch war sie irgendwo in der westdeutschen Provinz. Eine Fußgängerzone mit Douglas, Ernsting’s family, Tchibo und einem Reisebüro, das immer noch Last-Minute-Reisen nach Fuerteventura bewirbt. Vor dem Rathaus ein Osterbrunnen. Daneben ein Café mit Schwarzwälder Kirschtorte und Filterkaffee. Funktionsjacken, E-Bikes, Sparkasse, Schützenverein, Stadtfestplakate vom Vorjahr. Der größte Konflikt des Tages: ob der Wochenmarkt wegen des Feiertags auf Donnerstag vorgezogen wird.
Vor dem Kaufland lässt ein Neunzehnjähriger im tiefergelegten Golf den Motor laufen. Aus den halb geöffneten Scheiben dringen dieselben verzerrten 808s, dieselben Tracks, dieselben Stimmen wie hier in Brüssel. Nur leiser. Als müssten sie Rücksicht auf die Mittagsruhe nehmen.
Hier nimmt niemand Rücksicht.
Vor der Bühne entsteht ein Circle.
Zwei tanzen gegeneinander, erst vorsichtig, dann mit einer Selbstverständlichkeit, als hätten sie nie etwas anderes getan. Einer gleitet rückwärts über den klebrigen Boden. Eine andere wirft die Schultern nach vorn, fängt den Offbeat mit den Knien auf und grinst, als würde sie den Bass dirigieren. Jemand wirft einen Spin in die Mitte, ein anderer antwortet mit Footwork. Ein Mädchen im BVB-Trikot filmt drei Sekunden, steckt das Handy wieder ein und tanzt weiter. Für ein paar Minuten ist niemand Zuschauer.
Die Crew hinter der Theke schaut herüber.
Einer hebt kurz die Faust.
Eine Mitarbeiterin lacht, obwohl sie gerade Bestellungen zusammenstellt.
Léa bewegt sich kaum.
Sie nickt nur leicht mit dem Kopf.
Sie kennt diesen Moment. Wenn ein Nicht-Ort plötzlich ein Ort wird. Wenn eine Fast-Food-Kette für einen Abend weniger über Burger erzählt als über Menschen, die einen Raum einfach neu erfinden.
Die Fritteusen piepen.
Jemand ruft eine Bestellnummer.
Der Beat läuft weiter.
Und für einen Augenblick wirkt es vollkommen logisch, dass Hip-Hop kein Genre ist, sondern ein Ort, der sich überall dort auftut, wo der Raum kurz aufhört, nur Raum zu sein.
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