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Carlo de Sciadinebbia schrieb am 9.9. 2026 um 13:53:30 Uhr über

CvN

Es war der traditionelle Publikumstreff des Zirkus Zirkum am Dreikönigstag, und die Stimmung in der kleinen Manege war gelöst, fast schon familiär.

„Ich sage euch, die Schnittfolge bei der Trapez-Nummer ist jetzt endlich dynamisch genug, man spürt förmlich den Luftzug“, erklärte der junge Mann mit der Kamera, während er die letzten Einstellungen auf der Leinwand präsentierte. Er war kein offizieller Mitarbeiter, sondern ein leidenschaftlicher Fan mit einem Auge für Timing und einer technischen Ausstattung, die den Zirkusdirektor immer wieder staunen ließ. Seine Kamera besaß ein spezielles Stativ, das sich mit einer Präzision und Geschwindigkeit drehen konnte, die fast an einen mechanischen Tanz erinnerte. Es erlaubte ihm, nicht nur die Artisten einzufangen, sondern in blitzschnellen Schwenks die Reaktionen des Publikums einzubauen, wodurch die Videos eine Intimität erhielten, die normale Aufnahmen oft vermissen ließen.

Der Zirkumdirektor und der Sprechstallmeister standen nebeneinander, die Arme verschränkt, und beobachteten die Bilder. Es war ein Moment der Ruhe, bevor die Zuschauer den Raum fluteten. In diesem Jahr herrschte eine besondere Zufriedenheit im Zirkus. Dank einer anonymen Millionenspende im Jahr 2023 hatten die Clowns diesen Winter erstmals eine eigene, beheizte Trainingshalle zur Verfügung. Das Ende der mühsamen Ausweichmanöver in die zugige Turnhalle der Nachbarschaftsschule war ein Luxus, den sie alle genossen hatten, auch wenn niemand genau wusste, wer ihnen dieses Geschenk gemacht hatte.

Plötzlich hielt der Kameramann an. Er spulte ein Stück zurück und zoomte in eine Sequenz der Weihnachtsshow. Die Kamera war in diesem Moment vom Ring weggebrochen und hatte einen kurzen, fast beiläufigen Blick in die Zuschauerreihen geworfen. Dort saß ein Ehepaar, beide sichtlich hochbetagt, wohl Ende neunzig. Die Frau thronte in einem hochmodernen, technisierten Rollstuhl, während ihr Mann sich liebevoll zu ihr neigte und ihr in regelmäßigen Abständen kleine Schlucke aus einer Flasche zu trinken gab.

„Moment mal“, murmelte der Sprechstallmeister und trat einen Schritt näher an die Leinwand, wobei sein Blick sich fast schon schmerzhaft auf das eingefrorene Bild fokussierte. „Sehen Sie sich die Nasenform an. Und diese Art, das Taschentuch zu halten. Das ist doch kein Zufall.“ Er sah zum Zirkumdirektor, in dessen Augen sich eine plötzliche, fast unglaubliche Erkenntnis spiegelte. In der Welt der alten Geldgeber und verstummten Legenden gab es Namen, die man nur noch flüsterte, und eines dieser Gesichter war gerade in hochauflösender 4K-Qualität aufgetaucht.

„Das ist er“, flüsterte der Direktor, und seine Stimme klang, als hätte er gerade einen Geist gesehen. „Das ist der Kohlen-Michel. Von Kohlen und Reibach. Gott im Himmel, er lebt noch!“ Der Name beschwörte Bilder von einer längst vergangenen Ära herauf, von einem Mann, dessen Vermögen einst so legendär war, dass man ihn in den Logen der Opern und den ersten Reihen der großen Zirkusse als eine Art lebendes Monument des Erfolgs betrachtet hatte. Dass er nun hier auftauchte, fast unsichtbar im Schatten der Zuschauerreihen, war eine Wendung, die kein Drehbuch hätte besser schreiben können.

Der Kameramann klickte ein paar Mal auf seine Fernbedienung und spielte eine Sequenz ab, die er eigentlich als zu emotional für den offiziellen Zuschnitt gehalten hatte. Das Bild zeigte das Paar in einer extremen Nahaufnahme. Die Frau, deren Gesicht wie aus feinstem Porzellan geformt war, blickte mit einer Mischung aus Wehmut und tiefer Rührung in die Manege. Eine einzelne Träne bahnte sich ihren Weg über ihre Wange. Der Mann, der einst als der unerbittliche „Kohlen-Michel“ bekannt gewesen war, hielt in diesem Moment kein Trinkfläschchen, sondern ein kleines, weißes Stofftaschentuch. Mit einer Zärtürlichkeit, die an ein Gebet grenzte, tupfte er ihr die Träne ab, bevor er sich selbst die Augen wischte.

„Die haben geweint wie Schlosshündchen!“, gestand der Kameramann mit einem schiefen Lächeln. „Ich musste das meiste wegschneiden, sonst wäre die Dynamik des Videos verloren gegangen. Es war fast schon zu intim, wissen Sie? Man hatte das Gefühl, in ein Schlafzimmer zu schauen, obwohl sie mitten im Publikum saßen.“



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