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von Formen globaler Herrschaft besetzt, kolonisiert, umgebogen, transformiert, verlagert, ausgedehnt usw. wurden und werden.112
Kampf, Front und Grenze als Ausgangspunkt und Bedingung der Erkenntnis
Ausgangspunkt der Möglichkeit für Erkennen und Handeln zugleich, ihr fundamentaler Ort und liervorbringende Quelle bleibt der Antagonismus, der Kampf und seine durch den sozialen und individuellen Körper hindurch geltenden Strategien und Fronten. Natürlich gilt sein Interesse der »Macht«, ihren Strategien, Technologien, »Dispositiven« (ein in juristischen, medizinischen und militärischen Kontexten gebrauchter Begriff der französischen Sprache, der die Vorkehrungen und Apparaturen bezeichnet, die eine strategische Operation durclizufüliren erlauben). Macht ist nichts Äußerliches, ebenso wenig wie Repression etc., sie schreibt sich in die individuellen und sozialen Körpern und Seelen in allen ihren Dimensionen ein. Unterwerfung ist daher nichts Äußerliches in dem Sinn, dass ein ursprüngliches Subjekt übrig bliebe, wenn die Last der Macht abgeschüttelt ist. All dies hält Foucault für naive Vorstellungen angesichts einer Macht, die immer schon da ist. Die »Maclitverhältnisse« (»relations de pouvoir«) sind daher der Gegenstand der Analyse und nicht die Macht. Aber Foucault fordert selbst dazu auf, über den zu statiscilen Begriff des »Machtverhältnisses« hinaus zu gehen und den Prozess der Durchdrillgung selbst ins Auge zu fassen.
»Die Ausübung der Macht ist nicht einfach ein Verhältnis zwischen @Partnern« individuellen oder kollektiven; sie ist eine Form der Einwirkung Bestimmter auf bestimmte Andere. D.h., dass es keine Sache gibt wie die Macht, oder Macht, die allgemein existiert, massiv oder in difflisein Zustand, konzentriert oder verteilt: es gibt keine Macht, die von den einen auf die anderen einwirkt; die Macht existiert nur in der Handlung, selbst wenn sie sich natürlich in ein Feld der Möglichkeit einschreibt, in dem sie sich zuweilen auf permanente Strukturen stützt@,.'33
M. Foucault, Recht der Souveränität/Mechanismus der Disziplin,
Vorlesung vom 14.01.1976, in: Dispositive der Macht, Michel Foucault über Sexualität, Wissen und Wahrheit, Berlin 1978, S. 75, hier: S. 83.
Michel Foucault, »I'he Subjekt and Power«, in H. Dreyfus und P. Rabinow, Michel Foucault: Beyond Structuralism and Herineiieutics,
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» Man kann daher in Begriffen von,Strategien@ die Mechanismen entziffern, die in Machtverhältnissen eingesetzt werden. Aber das Entscheidende ist offenbar das Verhältnis zwischen Machtverhältnissen und Angriffsstrategicii, »stratc%ies d'affroiitemeiit».«» «Detin wenn es wahr ist, dass im Herzen der Machtverhältiiisse und als permatieiite Bedingung ihrer Existenz der Widerstand ("iiisouniissoii@,) und die wesentlich widerspenstigen Freiheiten wirken, dann gibt es keine Machtverhältnisse ohne Widerstandskraft (r6sistance), ohne Ausbruchsbewegung oder Flucht, ohne schließliche Wende; jedes Machtverhältnis impliziert daher zumindest virtliell eine Kampfstrategie, ohne dass sie zur Oberwindling gelangen könnten, ihre Besonderheit verlörcn oder schließlich verschmelzen. Jede bedeutet fuir die andere eine Art permaiicnte Grctize... ebenso wie es keine Machtverhältiiisse ohne Widerstandspunkte gäbe, die ihnen grundsätzlich entgehen, ebenso müssen jede Intensivierung, jede Ausdehnung der Machtbeziehungen zu den Grenzen der Machtausübung führen«. 135
Hier begegnen wir einer Variante des fundamentalen Grundkonzepts für Handeln und Erkennen, das uns von Marx und seinen unortliodoxen Rezeptionen der 70er Jahre vertraut ist. Die lebendige Schranke der Machtstrategien des Kapitals ist der prozessierende Widerspruch der Klasse, und die bewegliche Grenze des Antagonismus ist der Ausgangspunkt für Handeln und Erkenntiiis. Weit davon entfernt, dem Bild zu entsprechen, das Hardt und Negri für uns zurechtscliiiitzeii, dem Bild des produktionsfernen Theoretikers der Psycliiatrien, Gefängnisse und Sexualität, sucht Foucault den grundlegenden Antagonismus zwischen Machtteclinolocyien der Unterwerfung und Zuriclitung in allen Bereichen auf, in die der Kapitalismus der intensiven Bevölkerungsbewirtschaftung seine Strategien im Lauf seiner Geschichte erstreckt hat: die Strategien der Zuriclitung von Arbeit in der Fabrik ebenso wie in den Gefängnissen, Psychiatrien, in der Familie, im sexuellen Verhältnis der Geschlechter, im Militär.
Es kommt ihm darauf an, den Antagonismus der Unterwerfungsstrategien des Kapitals mit dem prozessierenden Wider-
Chicago 1982, S. 208-226, zitiert nach M. Foucault, Le Sujet et le pouvoir«, dits et dcrits 1 1, S. 104 1, hier S. 1055. ebd. S. 1061. Afl'rontemeiit kann als Angriffslinien, Angriffsfronten, Angriff übersetzt werden.
ebd.
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