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Der Zirkus Zirkum war in einer alten schäbigen Fabrikhalle in Oberhausen untergebracht, wo der Geruch von altem Fett und feuchtem Beton die Luft sättigte. Noli, der Clown, besaß die seltsame Angewohnheit, seine Schminke nicht vollständig zu entfernen, bevor er sich ins Bett legte, sodass sein Kissen jeden Morgen wie ein schlecht gemaltes Porträt aussah. Er war ein Mann der Gewohnheiten, ein Wesen der Wiederholungen, das die Welt in kleinen, präzisen Ritualen ordnete, während der Rest des Zirkus in einem kontrollierten Chaos aus falsch gespannten Seilen und glitschigen Manegeböden versank.
An diesem Abend saß Noli auf der Kante seiner Matratze, die Beine in einer so tiefen Yoga-Verschränkung, dass sein Körper fast wie ein menschlicher Knoten wirkte. Der Zirkumdirektor, ein Mann mit einem zu großen Samtjacket und einem Blick, der ständig nach einem verlorenen Ticket suchte, beugte sich vor und legte seinen Kopf sanft auf Nolis Bett. Er blieb dort einen Moment lang liegen, während die Stille des Zimmers nur durch das ferne Quietschen einer rostigen Kette in der Halle unterbrochen wurde. Noli sah hinunter auf die Glatze des Direktors und fragte mit einer Stimme, die noch vom Tagesschminken heiser war: „Wie lange ist das eigentlich schon unser Brauch?“
Der Direktor schnaubte leise, ein Geräusch, das irgendwo zwischen einem Lachen und einem Seufzer lag. „Früher hast du deinen Kopf in mein Türschloss gebettet“, antwortete er, ohne den Kopf zu heben. Noli schmunzelte, wobei ein Rest weißer Farbe an seinem Mundwinkel aufplatzte. „Kam vor“, gab er zu. „Lieber hattest du es umgekehrt. Damals schon!“ Diese kleinen, rituellen Gesten waren der Klebstoff, der den Zirkus Zirkum zusammenhielt, weit mehr als die schlechten Verträge oder die Hoffnung auf ein zahlendes Publikum.
Das Gespräch glitt organisch in die Richtung, die es seit Jahren nahm, sobald externe Besucher die staubigen Hallen von Oberhausen betreten hatten. Zwei Schwestern waren zu Besuch gekommen, ein seltener Anlass, der die ohnehin schon fragile Ordnung der Zirkusfamilie in Aufruhr gewirbelt hatte. Das Thema Verwandtschaft war wie eine alte, schlecht gestimmte Geige, die immer wieder zum Vorschein kam. „Sophie ist also die Tochter von Oscar und Vera?“, fragte der Direktor langsam, als müsste er die Namen erst in einer alphabetischen Liste in seinem Kopf sortieren. „Und Margot die Tochter von Oscar und Mathilde – wie bei dir?“
Noli nickte langsam, seine verschränkten Beine lockerten sich ein Stück, während er in die Vergangenheit zurückblickte, in die Zeit vor der Fabrikhalle, als die Linien zwischen Familie und Kollegen so verschwommen waren wie die Schminke auf seinem Kissen. „So ist es“, bestätigte er mit einem sanften Lächeln. Es gab eine stille Wärme in diesem Moment, eine gegenseitige Anerkennung der komplizierten, fast schon grotesken Verflechtungen, die sie alle zu einer Einheit geformt hatten.
„Bin stolz auf dich, dass du es begriffen hast“, ergänzte der Direktor mit einem verschmitzten Grinsen, während er seinen Kopf endlich von der Matratze hob. Er blinzelte, seine Augen leicht gerötet vom langen Tag in der staubigen Halle. „Werde dich morgen nochmal abfragen. Gute Nacht!“
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