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Tanna schrieb am 11.2. 2000 um 17:09:09 Uhr über

Halbelf

Eines der Werke von Heinrich Böll heißt »Billard um halbzehn«:

Roman von Heinrich Böll, erschienen 1959. - Der Roman erzählt die Geschichte dreier Generationen einer rheinischen Architektenfamilie und ihres Lebenswerks, der Abtei St. Anton. 1907 wird der Architekt Heinrich Fähmel mit dem Neubau dieser Abtei beauftragt, sein Sohn Robert Fähmel läßt sie während des Zweiten Weltkriegs zerstören, um, so der Befehl, »freies Schußfeld« zu erlangen, letztlich aber deshalb, weil die Mönche des Klosters ihre Sympathie für die politischen Gewalttäter des Jahrhunderts nicht verhehlt hatten. Robert Fähmel, dessen Sohn Joseph nach dem Krieg die Abtei wieder aufbaut, erzählt die Chronik seiner Familie dem Liftboy Hugo im Hotel »Prinz Heinrich«, wo er jeden Vormittag um halb zehn Billard zu spielen pflegt.

Es ist Bölls einziger Versuch, im selben Jahr erschienen wie Die Blechtrommel von Günter Grass und Mutmaßungen über Jakob von Uwe Johnson, eine Epochenbilanz verdrängter und unbewältigter deutscher Geschichte zu gestalten, auch wenn sich die äußere Handlung auf einen Tag des Jahres 1958 reduziert und die Vergangenheit durch Rückblenden, Erinnerungen, Reflexionen vergegenwärtigt wird. Nicht die Rekonstruktion historischer Geschehnisse allerdings ist Gegenstand des Romans, vielmehr die daraus resultierende, psychisch-seelische Verstümmelung der Überlebenden. Mit dem Wiederaufbau der zerstörten Abtei scheint das Vergangene stillschweigend abgetan zu sein, nur die Ehefrau des alten Heinrich Fähmel, seit Jahren in einer Nervenheilanstalt lebend, kann sich damit nicht abfinden. Bei der Familienfeier aus Anlaß des 80. Geburtstages ihres Mannes schießt sie auf einen Minister, der, einst Mitläufer der Nazis, nach dem Krieg rasch wieder zu Amt und Würden gekommen, ihr als Repräsentant für Herrschaft und Unterdrückung erscheint: »Ich habe Angst, viel mehr als damals; ihr habt euch offenbar an die Gesichter schon gewöhnt, aber ich fange an, mich nach meinen harmlosen Irren zurückzusehnen; seid ihr denn blind? So leicht zu täuschen? Die werden euch für weniger als eine Handbewegung, für weniger als ein Butterbrot umbringen (. . .) Seid ihr denn blind? Da weißt du ja einfach nicht mehr, wo du bist; ich sag, Liebster, die haben doch alle vom Sakrament des Büffels gegessen . . .«.
Mit Hilfe der leitmotivischen Formeln »Sakrament des Büffels« und »Sakrament des Lammes« kontrastiert Böll das Ensemble seiner Figuren und das Panorama der deutschen Geschichte, die Spaltung des deutschen Volkes seit dem Ersten Weltkrieg: »Es ist die Spaltung zwischen jenen, die sich dem Krieg, der Gewalt, der Diktatur verschworen haben und jenen, die im stillen Widerstand wehrlos wurden.« (Martini). Böll selbst distanzierte sich später von dieser schematischen Symbolik, die, zumindest im »Büffel«-Symbol, in mehreren seiner frühen Erzählungen schon angelegt ist und worüber er selbst schreibt: »Diese Zweiteilung inBillard um halbzehn‹ basiert hauptsächlich auf meiner Vorstellung von Hindenburg und all den deutschnationalen Kriminellen, die ich für die eigentlich Verantwortlichen halte. Deutsch-Nationale zusammen mit den Industriellen und Bankiers . . . das waren für mich die BüffelGerade jene Kräfte, die er für das Aufkommen der NS-Diktatur verantwortlich machte, sieht Böll in der bundesdeutschen Nachkriegszeit wieder an der Macht, die »Lämmer Gottes« wieder in der Rolle der Opfer. Sie, die mit ihrem christlichen, außerhalb der institutionalisierten Kirche stehenden Humanismus als die einzige oppositionelle, freilich auch introvertierte Kraft erscheinen, nutzen allerdings, woran der Autor keinen Zweifel läßt, ihre Möglichkeiten zum Widerstand nicht.
Lediglich in der Figur des Liftboys Hugo, den Robert Fähmel schließlich adoptiert, deutet sich die Verwirklichung der Utopie einer gewaltlosen Zeit an.

Es ist nicht nur dieser Schematismus der »Büffel« und der »Schafe«, den die Kritik bis heute an diesem Roman bemängelt und der den Personen Bölls keine Entwicklung erlaubt, sondern auch die bemüht wirkende Erzählweise; übereinstimmend wird das Werk als Bölls »ambitioniertester epischer Versuch« (Durzak) betrachtet, bei Erscheinen des Romans zog man sogar Parallelen zum französischen nouveau roman.
Letztlich aber gelingt es Böll auch mit dem Stilmittel des inneren Monologs oder mit einer assoziationsreichen, eingängigen Symbolik kaum, den eng gefaßten erzählerischen Rahmen so zu weiten, daß aus dem Blickwinkel einer Familie, vor allem aber eines Mannes, des Architekten Robert Fähmel, ein überzeugendes Bild der deutschen Geschichte im 20. Jh. entstehen kann: der Roman ». . . bleibt auf dem Hintergrund der Werkgeschichte Bölls ein Experiment, dessen formale Kühnheiten die thematischen Widersprüche nicht überwinden« (Durzak).

Dr. Meinhard Prill


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