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Der Discoball
Lea wachte mit einem unbestimmten Gefühl von Beklommenheit auf. Der Tag lag wie eine fremde Verpflichtung vor ihr, eine Summe von Aufgaben, die weder einen Anfang noch ein Ende zu haben schien. Es war kalt in der Wohnung, und durch die beschlagenen Fenster konnte sie die schemenhaften Bewegungen der Straße erkennen. Der Regen prasselte unaufhörlich. Jana saß am Küchentisch und kaute lustlos auf einem Apfel herum, als hätte sie die Geste selbst vergessen.
„Weißt du, ich ziehe aus“, sagte sie plötzlich, ohne aufzusehen.
Lea, die gerade die Kaffeemaschine zu überreden versuchte, doch endlich ihren Dienst zu tun, drehte sich zu ihr um. „Du ziehst aus?“
„Ja, ich frag einfach die Leute aus meiner Stufe. Vielleicht hat jemand ein Zimmer. Aber es muss hier in der Nähe sein.“ Jana sprach mit einer Überzeugung, die nicht hinterfragt werden wollte.
Lea lehnte sich gegen die Arbeitsplatte und betrachtete ihre Schwester. „Und warum ausgerechnet hier? Es gibt bessere Gegenden als diesen… Fleck.“
„Ich hab mich daran gewöhnt“, sagte Jana lakonisch. Ihre Stimme trug keinen Hauch von Nostalgie, nur die stumpfe Akzeptanz einer Tatsache, die nicht mehr zur Diskussion stand.
Das Telefon klingelte, und Lea griff mechanisch danach. Es war Sophie, ihre Kollegin aus dem Hort. Sophies Stimme war eine Mischung aus Eile und Erwartung. „Lea! Heute wird’s großartig. Die Kinder basteln Weihnachtsgeschenke. Aber wir haben ein Problem: die Sachen für die Deko liegen noch in Studio 8. Kannst du sie holen?“
Studio 8. Lea wusste nicht, was sie mehr hasste: den endlosen Weg dorthin oder die chaotischen Regale, die jedes Mal auf sie warteten. „Sophie, ich hab—“
„Danke, ich wusste, ich kann auf dich zählen!“ Sophie legte auf, bevor Lea widersprechen konnte.
Jana war inzwischen ins Wohnzimmer gegangen. Lea hörte, wie sie dort herumwühlte, Dinge fallen ließ, fluchte, als hätte sie Streit mit den Möbeln. Als Lea nachsah, hielt Jana triumphierend einen kleinen, glitzernden Discoball in die Höhe.
„Was ist das?“ fragte sie, ihre Stimme vorwurfsvoll.
„Das ist ein Discoball.“
„Das sehe ich auch. Aber warum hast du ihn gekauft? Und für 526 Mark?“
„Er war im Angebot“, verteidigte sich Lea. „Und es waren 17 CDs dabei.“
„Du bist unmöglich“, sagte Jana. „Du predigst immer, dass ich mit meinem Geld besser umgehen soll, aber dann kaufst du sowas.“
Lea öffnete den Mund, wollte etwas sagen, aber ließ es bleiben. Stattdessen zog sie sich ihre Jacke über und ging zur Tür. „Ich hol die Sachen aus Studio 8. Mach keinen Unsinn, solange ich weg bin.“
Studio 8 war genauso, wie Lea es erwartet hatte: ein Labyrinth aus überfüllten Regalen und Kartons, in dem jede Bewegung das Risiko barg, eine Kettenreaktion aus Chaos auszulösen. Sie fand die Deko, verstaute sie in ihrer Tasche und machte sich auf den Weg zurück.
Zu Hause saß Jana auf dem Boden und blätterte durch eine Zeitung. „Ich hab ein Zimmer gefunden“, sagte sie beiläufig.
„Wo?“
„In… wie heißt es? Schöneberg, glaub ich.“
„Schöneberg?“ Lea konnte nicht glauben, dass ihre Schwester ernsthaft darüber nachdachte, in eine Gegend zu ziehen, die sie nur vom Namen her kannte.
„Ja, das ist nicht weit weg. Außerdem mag ich die Beschreibung. ‚Helle Wohnung, ruhige Nachbarschaft.‘ Klingt gut, oder?“ Jana schaute sie an, als erwartete sie Zustimmung.
Lea ließ sich auf einen Stuhl sinken. „Mach, was du willst.“
Jana grinste und stand auf. Sie nahm den Discoball vom Tisch und hielt ihn in die Luft. „Vielleicht nehme ich das Ding hier mit. Dann hab ich wenigstens etwas, das mich an dich erinnert.“
„Mach, was du willst“, wiederholte Lea, diesmal leiser.
Die Nacht brach herein, aber Lea konnte nicht schlafen. Das leise Glitzern des Discoballs, den Jana achtlos auf dem Couchtisch liegen gelassen hatte, warf seltsame Schatten an die Wände. Sie fühlte sich, als wäre sie selbst eine dieser Figuren im Kaleidoskop der Lichter – unbestimmt, sich drehend, ohne festen Halt.
Janas Pläne, die ständige Hektik im Hort, die absurden Käufe und die unerklärlichen Entscheidungen – all das schien in einem einzigen, wirbelnden Gedanken zu verschmelzen: Wo würde sie selbst in all dem Chaos stehen, wenn ihre Schwester irgendwann tatsächlich fortging?
Und während sie so dalag, lauschte sie dem Regen, der unaufhörlich auf die beschlagenen Fenster prasselte, als wolle er sie daran erinnern, dass nichts je wirklich stillstand.
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