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veröffentlichte Bruttogehalt ist somit nur ein mehr oder weniger kleiner Teil der anderen Einkommen und Leistungen, die mit einer Führungsposition in der Wirtschaft heute verbunden sind.
Zu den nicht dargestellten Merlanaten der hohen Einkommen gehört es, dass regelmäßig ein beträchtlicher Betrag nicht ausgegeben werden muss (oder gar nicht kann), sondern gewinnbringend angelegt werden kann. Mit hohem Einkommen kann man sich die neue Einkommensquelte des Vermögens erschüeßen. Dieser qualitative Umschlag von Einkommen in Vermögen ergibt dann eine weitere, zusätzliche Einkommensquelte. Aus Immobilienbesitz fließen Mieten, aus Aktien und Obligationen Dividenden, Zinsen, Kursgewinne, aus Untemehmensbeteiligungen Gewinnanteile.
So wird der entscheidende Aspekt, dass nämlich viele Einkonunensmitlionäre gleichzeitig Vennögensmittionäre sind, von der Regierung verschwiegen, ebenso die Tatsache, dass in Deutschland mindestens eine Million Vermögensmitlionäre leben. Dagegen werden hier sorgfältig nichts sagende Nebensächlichkeiten ausgebreitet, z. B. dass 25 Prozent der Netto-Einkommensmittionäre Frauen und 42,5 Prozent Singles sind, dass 4,7 Prozent Alleinerziehende mit einem Kind sind, 0,9 Prozent Alleinerziehende mit zwei Kindern, 12,5 Prozent Ehepaare mit zwei Kindern, 4,2 Prozent Ehepaare mit mehr als zwei Kindern und dergleichen.
Zur Gesamtaddition alter Privatvermögen sagt die Regierung: »Nur 4,5 Prozent des Privatvermögens gehörten den unteren 50 Prozent alter Haushalte, aber 42 Prozent des Privatvermögens entfielen auf die obersten 10 Prozent der Haushalte.« Diese Feststellung, die von vielen Medien aufgegriffen und als Hinweis auf eine )soziale Schieftage< interpretiert wurde, kann durchaus als kritisch verstanden werden. In Wirklichkeit aber verdeckt sie eine noch viel dramatischere Wirklichkeit.
Die Zahlen sind weit untertrieben, ja, fälsch. Es wurde nämüch nicht das wirkliche Vermögen zugrunde gelegt, sondern nur
einkommen gewährt die »Kienbaum Vergütungsberatung GmbH«, die jährtich eine umfangreiche statistische Studie über Haupt- und Neberieinnahmen vorl etwa 20.000 Vorstands- und Aufsichtsratsmitg[iedern sowie Geschäftsführern der wichtigsten deutschen Unternehmen urid Branchen erstellt. Diese Studien sind nur für den internen Gebrauch in Unternehmen gedacht.
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das steuerlich relevante Vermögen. Welcher Bürger, wenn er nicht zum betroffenen, profitierenden Milieu gehört, kennt schon diesen feinen, keineswegs kleinen Unterschied? Beim Immobiüenvermögen heißt das beispielsweise, dass es nicht zum wirklichen Marktpreis, sondern zum steuerlichen Einheitswert
erfässt wird. So geht eine Eigentumswohnung im Marktwert von
300.000 Euro, der also bei einem Verkauf erzielt werden kann,
nur mit dem Einheitswert von 15.000 Euro in die Steuer- und
dan-dt in die Vermögensstatistik ein. Mit anderen Worten: Für eine korrekte Bewertung des Vermögens müsste der 20fache Betrag eingesetzt werden.
Die weitaus zu niedrige Erfassung des Immobilienvermögens hat einen zweifachen Sinn: Erstens hängt sie mit der Privilegierung des großen Vermögens durch die geringe Besteuerung zusammen; zweitens steht sie im Zusammenhang mit dem sozialen Schutz eben dieses Vermögens gegenüber den weniger Vermögenden. Die Bundesregierung kann sonst das soziale Gewissen der arm-reichen Nation beruhigen: »Die Verteilung des Privatvermögens [... ] ist trotz der gestiegenen Ungleichheit der Einkommen im langfristigen Trend tendenziell gleichmäßiger geworden.«
Bei der steuerüchen Privilegierung der hohen Einkommen und Vermögen ist die Bewertung des Immobiüenvermögens nur ein Teil. Andere steuerliche Privilegien sind im Vergleich zur Besteuerung der normalen Löhne und Gehälter eine weitere Quelle von Einkommen und Vermögen. Das Ziel der >Besserverdienenden< und Reichen ist seit längerem, politisch akzeptiert und gefördert, die »Null-Steuer«." Dabei gibt es einen gleitenden Übergang von legalen zu illegalen Methoden, wie man sich der Besteuerung weit gehend oder ganz entziehen kann: Verlustzuweisungen, Abschreibungen, Nutzung von Steueroasen, steuerfreie Spekulationsgewinne usw. Ganze Branchen vonvermögensberatern, Steueranwälten und Treuhändern leben von solchen Dienstleistungen.
Wenn Rechtsbrüche einmal auffliegen, werden sie für die vermögende Klientel meistens geräuschlos hinter den Kuüssen und ohne strafrechtliche Verfolgung erledigt. Dies trifft etwa auf die ca. 600.000 Mitglieder der deutschen Elite zu, die zu Be-
13 1 Wie zahtt man Nu[L Steuern? In: CapitaL. Das Wirtschaftsmagazin 11/1996
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