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Abhärtung heute und damals - es ist nicht alles gelogen, Jochen und Winfried!
Kürzlich fand ich einen Hinweis auf das französische Pfadfinder-Internat Riaumont, wo Jungs den ganzen Winter hindurch kurze Lederhosen (!) tragen müssen – ein echter Anachronismus heutzutage – leider! Es gibt nette Fotos davon im Internet. Sie zeigen, was in meiner Jugend nicht ungewöhnlich war: Abhärtung gegen Kälte! Kurze Hosen zu Uniform auch im Winter gab es in speziellen NS-Internaten (Napola) und zum Teil im HJ-Dienst. Es gab auch Väter, die dem „Gelobt sei, was hart macht“ huldigten und von ihren Sprösslingen auch bei kaltem Wetter eine sehr spartanische Kleiderordnung verlangten. Aber die meisten „richtigen“ Jungs fanden das gut.
Einigen harte Bengel meiner Generation härteten sich aus eigenem Antrieb ab, und zu denen wollten meine beiden Brüder und ich auch zählen! Ich erinnere mich an regelrechte Wettbewerbe um die kurzen Hosen unter den sportlichsten Jungs – wer trägt sie im Spätherbst als Letzter oder im Vorfrühling als Erster, wer trotzt sie gar einer nicht all zu besorgten Mutter sogar im tiefen Winter ab.
In meinem Elternhaus waren, als ich noch klein war, allerlei Tricks notwendig, um den eigenen Willen durchzusetzen: Ich brachte Schulkameraden mit nach Hause, die immer noch oder schon wieder ihre möglichst ausgewachsenen Lederhosen anhatten – und hatte damit meistens Erfolg.
Meine Mutter verstarb Mitte des 2. Weltkrieges, da waren meine Brüder und ich zwischen 7 und 11 Jahre alt. Wir Rabauken brauchten eine feste Hand. So heiratete unser Vater bald wieder. Die Stiefmutter war resolut und sorgte dafür, dass wir spurten. Der Rohrstock trat häufiger als uns lieb war in Aktion. Wir besaßen alle drei Lederhosen, gebrauchte, von älteren Jungen abgelegte. Die Lederhosen durften wir von ihr aus auch im Winter anziehen. Für ganz scharfen Frost hatten wir Trainingshosen. Aber sie bestand darauf, dass die im Haus und in der Schule abgelegt wurden. Und sonntags trugen wir immer die kurze Anzughose, auch im Freien.
Die ausgebeulten Trainingshosen sahen doof aus. Mein großer Bruder besaß als Pimpf eine Winteruniform mit langer Überfallhose, aber die verbrannte wie auch unsere Sonntagshosen als wir im Herbst ´44 ausgebombt wurden. Die ersten Nachtfröste ignorierten damals viele Jungen. Manche kannten Stichtage wie den 1. November, härter erzogene den 1. Dezember für die langen Hosen. Wir nicht. Mit blaugefrorenen nackten Oberschenkeln und Knien trotzen wir dem Winterwetter. Erst knackiger Dauerfrost trieb uns tageweise in die Trainingshosen. Solange ich in die Volksschule ging hatte ich nur einen kurzen Weg. Ins Gymnasium war es weit zu laufen oder, nach der Währungsreform, mit dem ersten eigenen Rad zu fahren. Im Winter biss die eisige Kälte in die bloße Haut. Rückblickend habe ich vergessen, ob ich darunter gelitten habe. Wir hielten es gemeinsam aus ohne krank zu werden, genossen aber die anerkennenden Blicke und Worte mancher Lehrer, Nachbarn und der Schulkameraden.
War unsere Abhärtungs-Manie gesundheitsschädlich? Damals sicher nicht. Heute, im Zeitalter der geheizten Kinderschlafzimmer mag man anders darüber denken. Wir Jungs der 40er/50er Jahre wollten uns was beweisen! Man mag das durchaus als vorpubertären Unfug bezeichnen. War es ja auch – und doch erinnere ich alter Mann mich gern daran und bin ein bisschen traurig, wenn mein Enkel im Hochsommer in seinem 7/8-Schlabberhosen daherkommt.
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