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Eine ganz besondere Eigenschaft der Menschheit ist ihr Fortschritt. Fortschritt ist ein äußerst positiv besetzter Begriff. Die Werbung nutzt ihn gern. Ein „fortschrittliches Waschmittel“ muß einfach besser als alle anderen sein, denn gäbe es ein anderes, mindestens gleich gutes, so wäre es selbst nicht fortschrittlich sondern höchstens nur auf dem Stand der Technik. All das steckt in diesem einzigen Wort. Es ist das Komprimat der Mutter aller Werbeaussagen „Besser als alles andere“ und dennoch bei weitem nicht so plump.
Aber es ist noch mehr. Die Verbraucher sind Werbung gegenüber tendenziell skeptisch eingestellt. Wenn mit einem einzigen Wisch die eingebrannteste Bratpfanne oder das verkalkteste Waschbecken zu einem synthetischen Strahlen und Glitzern verholfen wird, dann ruft das allenfalls ein höhnisches „na klar doch!“ beim Konsumenten hervor. Ganz anders beim Wort „Fortschritt“: Menschen haben offenbar ein sehr unkritischen Umgang damit. Fortschritt ist immer gut. Die Werbung muß deshalb garnicht darauf eingehen, warum das fortschrittliche Waschmittel so fortschrittlich ist. Der Verbraucher malt sich das besser selbst aus. Wenn er es gerne noch weißer als „weißer als weiß“ hätte, assozieert er „fortschrittlich“ mit genau dieser Eigenschaft. Wenn er es gerne umweltverträglicher hätte: Bitteschön!
Woran liegt das wohl? Warum hinterfragen wir dieses Zauberwort nicht? Warum macht es einen so positiven Eindruck? Der so tolle Fortschritt mündete doch bislang in zwei Weltkriegen, in Umweltverschmutzung, in Hiroshima und Nagasaki, im Treibhauseffekt und in einer immer gläsern werdenden Gesellschaft. Wir betrachten es sogar als fortschrittlich, wenn wir Probleme lösen, oder auch nur lindern, die wir ohne Fortschritt garnicht hätten. Bringt uns das, was wir als Fortschritt bezeichnen, denn wirklich voran? Wir können diese Frage doch nur beantworten, wenn wir genau wissen, was „voran“ überhaupt sein soll und schon da hapert es. Der klassiker „Wohin gehen wir?“ ist auch noch unbeantwortet . Wir wissen nicht, ob wir überhaupt gehen. Die Menschheit ist auch nicht in der Lage, zu formulieren, wo sie denn hinwollte, wenn sie denn könnte. Sie kann nichteinmal eine grobe Richtung angeben, aber sie sieht sich immer in der Lage, einschätzen zu können, wann sie dem nicht näher definierten Ziel näher gekommen ist und wann sie sich davon entfernt.
Wir realisieren das mit einer Art Schubladendenken. Wir brechen die Einheit der eng ineinander verzahnten und höchst komplexen Vorgänge der Natur mit Gewalt in selbstausgedachte unzählige Kategorien und Unterkategorien auf, und entscheiden dann, ob eine Entwicklung für die entsprechende Schublade, in die sie passt, gut oder schlecht ist. In der Schublade Medizin wäre es zum Beispiel sehr fortschrittlich, wenn sie dafür sorgen könnte, daß die Menschen 200 Jahre alt werden und sich dabei fühlen als seien sie 20. In irgendeiner anderen Schublade wäre es hingegen fortschrittlich, wenn der Überbevölkerung irgendwie Einhalt geboten werden könnte, und gleichzeitig gibt es dann noch eine andere philosophisch moralische Schublade in der es fortschrittlich wäre, wenn man den Menschen in seinem natürlichen Wunsch, Nachkommen zu produzieren, nicht beschränke oder reguliere.
Wir wissen sogar, daß sich unsere Ideale in den Schubladen gegenseitig widersprechen, aber wir sehen uns nicht in der Lage, sie gegeneinander aufzuwiegen. Schließlich teilen wir Menschen nicht nur die Welt, sondern sogar uns selbst unentwegt in Kategorien ein. Nach Berufen, Geschlecht, Alter, Intelligenz, Nationalität, Rasse, Besitz, Status. Wir halten uns selbst gewollt oder ungewollt, bewußt oder unbewußt in nur ganz wenigen der unendlich vielen Schubladen auf und verfolgen ausschließlich die Ideale darin.
Und so wird es Meinungsverschiedenheiten darüber geben, was fortschrittlich ist und was nicht. Diese Meinungsverschiedenheiten werden dann auf dem Markt ausgefochten. So entscheidet letztendlich das Geld über unseren Fortschritt. Weil es sich eine Hand voll Menschen mit sehr viel Geld leisten können, Forschungen für das Klonen von Menschen zu bezahlen, wird uns wohl eines Tages eine fortschrittliche Möglichkeit dazu präsentiert werden. Medikamente für afrikanische Krankheiten haben es hingegen sehr schwer, fortschrittlicher zu werden. Und so werden wir wohl eher den Mars terraformen, als den Hunger in der Welt zu bekämpfen.
Fortschritt assoziieren wir mit den Errungenschaften um uns herum. Der Computer, der Fernseher, der MP3-Player und eine Menge anderer Schnick-Schnack. Komisch nur, daß all diese Errungenschaften unsere Sinne tagein tagaus so dermaßen binden, daß wir keinen Blick mehr dafür übrig haben, ob die Welt da draußen überhaupt noch in Ordnung ist.
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