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anoubi schrieb am 20.5. 2007 um 20:45:20 Uhr über

Tottenham

Hallo Adam.
Vor ungefähr 14 Tagen sprach ich in der Greifswalder Straße, auf dem Fußweg vom Alexanderplatz in meine Wohnung, mit jungen »Nazis«. Ich hatte sie, es waren ungefähr zehn, angesprochen, weil sie an einer Kreuzung vor einer Ampel standen, und einer von ihnen eine Tafel mit einem NPD-Plakat, ein anderer die Deutschlandfahne (oder war es die deutsche Reichsflagge?) in den Händen hielt. Der erste, mit dem ich sprach, trug Hosenträger usw., d.h. er war ein Skinhead. Ich sagte ihm, dass ich soeben von meinen Freunden, den Punks am Alex, komme. Er: »Ey, diese Assis sind deine FreundeEiner zweiter aus dieser Gruppe, ungefähr 25, daher ungefähr 8 Jahre älter als der Skin, mischte sich in das, bis dahin Zweiergespräch. Er meinte, Punks seien krank, kaputt und asozial, weil sie Drogen nehmen. Daraufhin erzählte ich, dass ich seit viel Jahrzehnten kiffe. Er: Haschisch zerstört die Haut. Und: »Ah. Daher hast du so viel Falten und Runzeln im Gesicht. Du siehst ja aus, als wärst du schon sechszig
Da, wie du weißt, ich im September 65 werde, hatte ich damit kein Problem.
Auch stärkte es vor kurzem mein Selbstwertgefühl, dass ein 17jähriger Punk (er ist bisexuell) mich als »attraktiv« sah/sieht.
Im Karton mit den Zeitungen, die gelesen aber noch nicht fürs Archiv ausgewertet wurden, ist ein Artikel mit der Nachricht, dass in London mehrere Jugendliche, 15 bis 18, bei Streitigkeiten zwischen rivalisierenden Gangs erstochen wurden.
Du sagtest in unserem letzten Telefongespräch, dass Halima und du nicht in Berlin wohnen und leben möchtet, weil Halima, höchstwahrscheinlich, auf der Straße angepöbelt würde. Diese »Angst« hast du, habt ihr, aufgrund von Berichten aus Zeitungen in London über Ereignisse in Berlin. Aber. Diese »Angst« ist ungefähr so real wie der Gedanke, Jürgen könnte sich im Juli, während seines Besuchs in Tottenham, nicht ohne Pistole auf die Straßen wagen.
Dazu das Folgende: Als ich am dritten Mai von Leipzig zurück nach Berlin kam, und auf der S-Bahn-Fahrt, kurz vor Mitternacht, vom Hauptbahnhof zum Alexanderplatz mit zwei Punks, Junge und Mädchen, die Rotweinflasche, zuvor nur in meinen Händen, geleert hatte, lief ich danach, allein, auf dem Alex, am Brunnen vorbei, sah ungefähr fünf oder sechs Skinheads, sah genauer hin, und einer sagte: »Eh Alta, is wasIch. »Nein. Ich dachte nur, ich kenn einen von euch, hab mich aber getäuscht.« Ein zweiter Skin blies den Rauch seines Joints in meine Richtung. Ich dachte: <Ah. Kiffende Skinheads.> Dann lief ich weiter, und fiel, ungefähr eine halbe Stunde später, müde in mein Bett.
Dein Gedanke, Halima könnte, hier in Berlin, nicht unangepöbelt durch die Straßen gehen, erinnert mich, gnau jetzt, spontan an ein Ereignis in Tanger, das ich ungefähr 1973 erlebte. Wir hatten in einem Speiserestaurant gut gegessen. Der Kellner brachte die Rechnung. Der junge Araber an meiner Seite, mit dem ich damals einige schöne Tage und/oder Nächte in gemeinsamen Betten geniessen konnte, nam mir die Rechnung aus den Händen, ließ den Geschäftsführer kommen und sagte: »Tanger is no Chicago
Das soll nur heißen, du hast ganze falsche Vorstellungen von der gegenwärtigen Situation in Berlin.
Gewiß gibt es auch hier einige Gegenden, in denen Halima nicht allein flanieren sollte, aber, erstens sind die am Rand, und gewiß nicht im Zentrum, zweitens, ist das in London anders?


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