>Info zum Stichwort Erziehungslager | >diskutieren | >Permalink 
Die Leiche schrieb am 5.1. 2008 um 12:29:53 Uhr über

Erziehungslager

Könnte man nicht versuchen, sich so ein Erziehungslager nicht auch positiv denken ? Ich bezweifele natürlich keineswegs, daß was, was man politisch vorhat, auf eine Art »KZ light« herausläuft. Aber »man« könnte es doch vielleicht auch anders machen ?

Zunächst einmal müsste so ein Lager in einer völlig abgeschiedenen Gegend liegen, mindestens 10 km von der nächsten Ansiedlung entfernt, und in unwegsamem Gelände - ich denke da ans Diepholzer Moor oder gewisse Almen, die nur mit dem Hubschrauber erreichbar sind. Aber die öden Heiden des Fläming, der Magdeburger Börde und der Lüneburger Heide bieten eigentlich Platz genug.

Und dann wäre wohl die erste Maßnahme: ein radikaler Entzug, für so 4-6 Wochen (oder so): Einzelhaft in einer kargen Kammer, keine Bücher, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehn, keine Gameboys, MP3-player etc., selbstverständlich auch keinerlei Drogen: kein Nikotin, kein Alk, kein Coffein. Nicht gerade Wasser und Brot, aber doch eine eher vegetarisch-frugale Kost. Hofgang schweigend, mit auf dem Rücken gefesselten Händen in großen Abständen und radikalem Sprechverbot (bei Verstoß: zurück in die Kammer). Und selbstverständlich eine schmucklose »Anstaltskluft«.

In einer zweiten Phase sollte sodann unter gleichbleibenden äusseren Bedingungen eine durch eine vorherige psychologsch-kriminologische Anamnese vorbereitete intellektuelle Stimulation erfolgen dadurch, daß man dem Delinquenten ein bestimmtes Buch in seine Zelle legt. Was für ein Buch das ist, hängt vom Einzelfall ab. Es könnte ein Buch von Arno Schmidt sein, aber auch von Carl Schmitt oder Carl May. Es könnte ein populärwissenschaftliches Physiklehrbuch sein, ein historischer Roman, die Fest-Biographie Hitlers, Stefan Austs »Baader-Meinhoff-Komplex« ... etwas, was den Geist des Deliquenten stimuliert, sei es durch das völlig neue, sei es durch Anknüpfungen an die eigene Biographie. Keinesfalls sollte es belehrende, »erbauliche« Literatur sein - um Gotteswillen keine »Entwicklungsromane«, in denen junge Menschen von der schiefen Bahn blablabla. Spricht der Delinquent nicht an, wird das Buch (oder was davon übrig ist) eingezogen, und durch ein neues ersetzt. Dabei muß die Lektüre nicht auf einen Titel beschränkt bleiben - man kann sozusagen einen Kanon von Titeln für jeden einzelnen zusammenstellen, mit dem er während seines Lageraufenthaltes bekannt gemacht werden sollte. Diese Phase der isolierten Lektüre könnte ebenfalls 4-6 Wochen dauern.

Im Anschluß daran würde sich eine »Sozialisierungsphase« anschließen, in der die Deliquenten in Paare oder Gruppen zusammengebracht werden, die sorgfältig zusammengestellt werden - und zwar anhand ihrer Lektüre. Alle Mitglieder einer Gruppe sollten zumindestens ein gleiches Buch während ihrer isolierten Lektüre gelesen haben. Innerhalb dieser Gruppen gilt selbstverständlich auch kein Sprechverbot mehr, und an die Stelle der einzelnen Kammern sollten Gemeinschaftsräume, Baracken usw. treten, und ausserdem auch körperliche Tätigkeit: einerseits Arbeit innerhalb des Lagers, andererseits nicht all zu widerlicher Sport (also kein »turnen« oder so eine Scheisse). Auch die Verköstigung sollte dem angepasst werden, also durchaus nahrhafter und »reizvoller« werden - evtl. auch mit der Möglichkeit der »Selbstbeköstigung« der Gruppe mit zur Verfügung gestellten Lebensmitteln. Ferner sollten der Gruppe alle Bücher zur Verfügung gestellt werden, die von mindestens einem in der Gruppe gelesen worden waren. Je nach Umständen kommen auch gemischtgeschlechtliche Gruppen in Frage - auch heterosexuelle Kontakte sollten toleriert werden - selbstverständlich erst ab 16 Jahren. Diese Gruppen werden lediglich bei Arbeit und Sport geführt (durchaus auch: kommandiert), aber ansonsten lediglich überwacht, nicht vom Personal »gruppentherapiert«.

In einer letzten, kurzen Isolationsphase vor der Entlassung sollte dann wieder gelesen werden, wobei auf Lektürewünsche des Delinquenten nach Möglichkeit eingegangen werden sollte. Diese letzte Isolationsphase von 3-4 Wochen sollte nicht mehr in einer kargen Kammer stattfinden, sondern in einem Zimmer, daß dem »Stil« des Deliquenten halbwegs entgegenkommt. Seine »Zivilkleidung« sollte ihm wieder ausgehändigt werden, eine Tageszeitung von Rang nach freier Auswahl aus einem Angebot (FAZ, SZ, Welt, FR, taz, NZZ) gereicht werden, Musik zugänglich gemacht werden, jedoch keine Glotze.

Hartnäckige Fälle, Verweigerer und zum Zwecke der Strafe könnten in Isolationshaft genommen werden, wo ihnen ein Text, nicht notwendig ein Gedicht, zum Ausweniglernen aufgegeben wird. Eine andere Art einer Bestrafung oder Intervention wäre eine ansonsten kahle Zelle, in der bestimmte, ausgewählte Texte an die Wand und die Decke geschrieben sind (so daß sie vom Häftling nicht entfernt oder verdeckt werden können). Einer dieser Texte wäre beispielsweise:

»Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Aufgabe und Verpflichtung aller staatlichen Gewalt

oder

»Die Realtität ist nur etwas für Leute, die mit Drogen nicht umgehen können

oder

»Haben oder Sein

oder

»Was ist Wahrheit


   User-Bewertung: -2
Jetzt bist Du gefragt! Entlade Deine Assoziationen zu »Erziehungslager« in das Eingabefeld!

Dein Name:
Deine Assoziationen zu »Erziehungslager«:
Hier nichts eingeben, sonst wird der Text nicht gespeichert:
Hier das stehen lassen, sonst wird der Text nicht gespeichert:
 Konfiguration | Web-Blaster | Statistik | »Erziehungslager« | Hilfe | Startseite 
0.0130 (0.0031, 0.0081) sek. –– 967731756