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Harnert schrieb am 29.7. 2003 um 00:57:59 Uhr über

Wolf

Der Wolf (Canis lupus) ist das eindeutig grösste Mitglied der
Familie der Hunde. Erwachsene Tiere erreichen im Mittel eine
Schulterhöhe von 70 bis 80 Zentimetern und wiegen
gewöhnlich zwischen 30 und 50 Kilogramm.

Das Verbreitungsgebiet des Wolfs war einst riesengross: Es
umfasste fast ganz Europa und Asien - vom Nordpolarmeer
bis nach Portugal, Arabien, Indien und Japan - und reichte in
Nordamerika von Alaska bis nach Mexiko. Im Laufe der
letzten 300 Jahre ist der kräftige Wildhund aber aus vielen
Gebieten verschwunden. Neben der gnadenlosen Bejagung
des «bösen» Wolfs durch den Menschen spielte dabei auch
die Umwandlung seines Lebensraums in Siedlungsfläche und
Kulturland eine wichtige Rolle. Heute findet man gesunde,
umfangreiche Wolfsbestände nur noch in Russland sowie in
Kanada und Alaska. In Restbeständen lebt er aber auch noch
in recht dicht besiedelten Ländern wie Italien und Spanien.

Der Wolf ist ein enorm leistungsfähiger Langstreckenläufer.
Wenn er sein weites Jagdrevier nach Beute durchstreift, so
legt er oft in einer einzigen Nacht mehr als hundert Kilometer
zurück. Auf der Flucht oder bei der Verfolgung eines
Beutetiers erreicht er Spitzengeschwindigkeiten von über 60
Kilometern in der Stunde. Beutetiere des Wolfs sind
vorwiegend grössere Huftiere wie Rothirsch, Ren und Elch. Er
nimmt aber durchaus auch kleinere Säugetiere wie Hasen oder
Biber und begnügt sich notfalls sogar mit Nagern, Fröschen
oder Aas.

Ein Wolf kann erstaunliche Men gen Fleisch verzehren: an
einem Tag 10 bis 15 Kilogramm. Kein Wunder ist der
«Wolfshunger» sprichwörtlich geworden. Wenn er kein
Jagdglück hat, kann er aber auch mehrere Tage lang ohne
jegliche Nahrung auskommen. In solch mageren Zeiten kann
es geschehen, dass sich der grosse Wildhund, der
normalerweise die Nähe menschlicher Siedlungen meidet, an
Haustieren wie zum Beispiel Schafen oder Gänsen vergreift.

Wölfe leben in Rudeln von meistens etwa zehn Tieren
zusammen. Die Beziehungen innerhalb des Rudels sind
geprägt durch eine strenge Rangordnung sowohl unter den
Männchen als auch unter den Weibchen. Rangkämpfe
gehören aber keineswegs zur Tagesordnung, wie man
vielleicht annehmen mag. Vielfältige Gebärden und Laute
sorgen dafür, dass die Rudelhierarchie ohne ständige
Raufereien und unnötigen Kräfteverschleiss aufrecht erhalten
bleibt.

Die Paarungszeit der Wölfe dauert gewöhnlich von Dezember
bis Februar. Obschon in einem Rudel meistens mehrere
geschlechtsreife Weibchen leben, gelangen jeweils nur die
beiden ranghöchsten Rudelangehörigen zur Fortpflanzung; sie
verhindern Begattungsversuche rangniederer Tiere. Im März
oder April - nach einer Tragzeit von etwa zwei Monaten -
bringt das Weibchen in einem unterirdischen Bau
durchschnittlich fünf Junge zur Welt. Die Welpen wiegen bei
der Geburt nur 300 bis 500 Gramm und sind völlig hilflos.
Doch bereits im Herbst sind sie in der Lage, das elterliche
Rudel als «Lehrlinge» auf den gemeinschaftlichen
Jagdausflügen zu begleiten.

Für den Menschen auf der nördlichen Erdhalbkugel hat der
Wolf schon immer eine besondere Bedeutung gehabt - bei
Jägerstämmen als Beutekonkurrent, bei sesshaften Völkern als
Haustierräuber, und ganz allgemein als lebensbedrohender
Angreifer. Zwar ist die Gefahr durch den Wolf aufgrund der
Entwicklung weitreichender und treffsicherer Schusswaffen
längst gebannt. Doch besitzt wohl noch heute kein anderes
Raubtier einen derart schlechten Ruf wie der «blutrünstige»
Wolf. Dies jedoch sehr zu Unrecht, wie die neuere
wissenschaftliche Forschung zeigt. Sie gibt nicht nur ein
weitaus freundlicheres Bild dieses ausdauernden Jägers, als es
in all den vielen Schauermärchen entworfen wird. Sie zeigt
auch klar auf, welch wichtige Rolle der kräftige
Grosswildjäger im Haushalt der Natur spielt: Obschon Wölfe
ohne Mühe gesunde, kräftige Beutetiere zu erlegen vermögen,
fallen ihnen nämlich vorwiegend ältere, kranke und
gebrechliche Tiere zum Opfer. Sie tragen durch diese
natürliche Auslese wesentlich zur Gesunderhaltung ihrer
Beutetierbestände bei.

Es wird von naturschützerischer Seite heute allgemein
versucht, mit den diversen Gruselgeschichten über den Wolf
aufzuräumen und die Öffentlichkeit über das wirkliche Wesen
dieses faszinierenden Wildhunds aufzuklären. Dabei hofft man
vor allem auch auf das Verständnis und die Unterstützung der
Hundehalter, denn schliesslich ist der Wolf der Stammvater all
unserer vielgestaltigen Haushunde.



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